Allgemein, Politik

Srebrenica und die Abgründe des Westens

Geheime Diplomatie

Und wieder trauert die Welt in diesen Tagen in Erinnerung an ein Massaker, das vor genau 22 Jahren im bosnischen Srebrenica stattfand. Ein kaum zu überblickendes  Meer  von Grabsteinen mit pfählernen Mahnmahlen dicht an dicht rückt erneut die Tragödie vom 10.Juli – 18. Juli 1995 ins Gedächtnis, als rund 7000 Muslime von der serbisch-bosnischen Armee unter ihrem Kommandanten Ratko Mladic bei der Flucht aus der damaligen Enklave Srebrenica grausam abgeschlachtet wurden.
Doch nicht jeder der zahlreichen Ehrengäste, die sich in diesen Tagen vor den Opfern verneigen, wird die Dämonen der Vergangenheit – nämlich die Mitschuld der Internationalen Gemeinschaft an diesem Verbrechen – gänzlich aus seinem Gewissen löschen können. Denn Srebrenica bleibt neben dem größten Völkermord seit dem 2. Weltkrieg auch ein Mysterium, ein Abgrund an internationaler Ignoranz, Feigheit und perfider Diplomatie, die um der eigenen Interessen willen buchtäblich „über Leichen ging.“

Fakten, Dementis und Widersprüche

Hunderte von Medienberichten, Memoiren und Bücher haben seither versucht, die damaligen Ereignisse nachträglich aufzuarbeiten.
Mit zweifelhaftem Erfolg. Nicht selten wird der Leser am Ende verwirrter sein als zuvor. Schuldzuweisungen über die nicht erfolgte Nato-Luftunterstützung oder die Frage, ob westliche Geheimdienste die Massaker in Echtzeit verfolgen konnten werden wie ping-pong-Bälle zwischen den Verantwortlichen verschoben, nicht selten sind nationale Tendenzen – etwa bei Recherchen zugunsten der damals in Srebrenica stationierten holländischen Blauhelme (Unprofor)- nicht zu übersehen. Uneinigkeit besteht zudem  darüber, ob die in der Enklave eingeschlossen Muslime aufgrund fehlender militärischer Ausrüstung keine Gegenwehr leisteten, ob sie die  Flucht aus Angst ergriffen oder gar der Befehl zur widerstandslosen Aufgabe aus Sarajewo kam.  Auch die Frage, ob es erst der fehlende Widerstand der bosnischen Armee war, der den serbisch-bosnischen Generalstabschef Mladic ermutigte nicht nur die Außenbezirke sondern die gesamte Stadt einzunehmen oder der Angriff  bereits Monate vorab geplant war,spaltet die Experten.  Auch 22 Jahre nach dem Fall Srebrenicas bleiben so viele Fragen ohne Antworten.

Der deal ist perfekt

Ungeachtet mancher Widersprüche bei der  Einschätzung der Geschehnisse im Juli 1995 – in einem Punkt scheint sich wohl die Mehrzahl der mit den Hintergründen dieser Tragödie befaßten Autoren einig zu sein: Dem Angriff der serbisch-bosnischen Armee auf Srebrenica und den folgenden Massakern ging ein diplomatischer deal mit Belgrad und dessem damals uneingeschränkt herrschendem Präsidenten Slobodan Milosevic voraus (+2006 während seines Prozesses vor dem Haager Kriegstribunal). Den Großmächten war der blutige Krieg in Bosnien zwischen der muslimisch-kroatischen Armee und der bis dahin übermächtigen serbischen Armee längst entglitten. Sie verfolgten nur noch ein Ziel: eine Friedensvereinbarung um jeden Preis und dies vor Wintereinbruch. Fast das ganze Frühjahr 1995 hatten internationale Vermittler, u.a.  der US-Vertreter in der 5-köpfigen Kontaktgruppe Robert Frasure, mit Milosevic über dessen Anerkennung Bosniens und ein Friedensabkommen für Bosnien verhandelt. Die tatsächlichen serbischen Gesprächspartner in Bosnien – der Präsident der „Republik Srpska“, Radovan Karadzic und sein Militärchef Ratko Mladic- wurden vom Westen weitgehendst ignoriert. Sie hatten sich durch ihre brutalen ethischen Säuberungen und die 3 ½ -jährige Bombardierung Sarajewos längst als legitime Verhandlungspartner disqualifiziert.   Der starke Mann und die letzte Hoffnung eines kriegsmüden Westens war aller Ironie zum Trotz der Initiator aller Kriege auf dem Balkan, Slobodan Milosevic.
Und der hielt sich an sein Prinzip: „Man muß immer den richtigen Augenblick wählen  um seine Ziele zu erreichen. Der erste Schuß muß  geradewegs in die Stirn gehen.“  (während einer Diskussion  mit der serbischen Führung in Pale, aufgezeichnet im Buch von  Nikola Koljevic:Stvaranja republike Srpske)

 

Schuß in die Stirn

Der richtige Augenblick für den „Kopfschuß“  war aus Sicht Milosevics jetzt gekommen: Gegenleistung für ein von ihm garantiertes Friedensabkommen sollten die 3 unter UN-Schutz stehenden Enklaven  Srebrenica, Zepa und Gorazde sein.  Diese waren  in dem seit Sommer 1994 vorliegenden Plan über eine künftige territoriale Aufteilung Bosniens den bosnischen Muslimen zugeschlagen worden –  was  die Kompaktheit der serbischen Entität empfindlich beeinträchtigt hätte. Milosevic ließ keinen Zweifel daran, daß er den bisherigen Widerstand der bosnischen Serben gegen einen militärischen Rückzug auf 49 % des Territoriums (zu diesem Zeitpunkt hielten die Serben 70 % ) brechen könne.
Ein Angebot das , wenn auch  unmoralisch,  Washington – und in dessen Schlepptau vermutlich auch Paris und London – kaum ablehnen konnten und wollten. Der deal war besiegelt, die Enklaven zum Sturm freigegeben. In einer mittlerweile dechiffrierten Depesche der CNN wird die doppelte Moral des Westens  deutlich. 3 Tage nachdem General Mladic Srebrenica eingenommen hatte resümmierte der CIA, …“daß man sich der Analyse einiger amerikanischer Politiker anschließe, die Entfernung der Enklaven, die ein fortgesetztes Hindernis gewesen seien, würde die Verhandlungschancen für einen Frieden wesentlich erhöhen.“
Auch andere internationale Politiker wie etwa der schwedische Vermittler Carl Bildt machten in den Folgejahren kaum noch einen Hehl aus dem Pakt mit Milosevic. Bildt: Alle wußten daß ein Friedensabkommen den Verlust der Enklaven bedeuteten würde.
Eine Untersuchungskomission des französischen Parlaments kam zum selben Schluß: Hinter der UN hätten Großmächte gestanden, die 1995 die Verhandlungen über eine küftige ethnische Aufteilung Bosniens vereinfachen wollten.
Srebrenica wurde geopfert. Doch man machte einen fatalen Fehler, schreibt Florence Hartmann, die langjährige Sprecherin der ehemaligen Tribunal-Chefanklägerin Carla Del Ponte in ihrem Buch „Friede und Bestrafung“: Man hätte Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung ergreifen müssen – und tat es nicht. Das Resultat ist bekannt.

Blauäugige Strategie am grünen Tisch

Es ist indes kaum anzunehmen daß die Reißbrett-Strategen, die am Verhandlungstisch ganze Bataillons in die Schlacht schickten um ihre diplomatischen Ziele zu realisieren, die Frage der Evakuierung von rund 42 000 Einwohnern Srebrenicas nicht erörterten – etwa einen Korridor ins rund 70 km entfernte Tuzla, das von den bosnischen Truppen kontrolliert wurde. Mit der Ermordung von 7000 Männern auf diesem Fluchtweg hatte dabei sicher niemand gerechnet – auch wenn bosnische Politiker angesichts der immer deutlicheren Anzeichen eines serbischen Angriffs  eindringlich davor warnten.

Wie also kam es dazu, daß Tausende Männer und Jungen gezwungen wurden, auf Feldern niederzuknien um dann von Erschießungskommandos wie Schlachtvieh in stundenlangen Exekutionen ermordet zu werden ? Wer gab den Befehl, 1000 Männer in einer Fabrik in Kravica einzusperren, die Gefangenen darin anschließend mit Bomben und Gewehrsalven  zu töten?  Beim Haager Kriegstribunal ist man davon überzeugt, daß nur der serbische General Ratko Mladic, seinerzeit Militärchef der serbisch-bosnischen Armee, diese Befehle erteilten konnte –  ungeachtet der Horden von Freischärlern, die sich schon in der Planungsphase der Eroberung nahe Srebrenica versammelt hatten  – Abschaum der mordete und plünderte und sich seit Jahren als willkommener Handlanger bei ethnischen Säuberungen verdient machte.

 

Zwischen Napoleon und Waterloo

Wer den serbischen General Ratko Mladic kennt wird ihn als unberechenbar beschreiben, ein Mann der seit dem Selbstmord seiner Tochter 1994  zwischen Depressionen und cholerischen Anfällen schwankte. Ein Napoleon wollte er sein, der mit seiner Genialität die Serben in Bosnien zur „La Grande Nation“ erheben würde, befreit von den „Türken“, wie die Muslime verächtlich von der serbischen Bevölkerung genannt wurden. Doch gleichzeitig sah er auch  sein Waterloo nahen..

Wir werden den Krieg verlieren, tobte und wütete ein entfesselter Mladic am 15.April 1995, drei Monate vor dem Angriff auf Srebrenica, mit hochrotem Gesicht auf einer Sitzung der politischen Führung im bosnischen Sanski Most. Während seine Armee ohne Nahrung, Munition und Treibstoff sei, herrsche in Pale – dem Sitz der bosnischen Serbenführer – Profitgier, humanitäre Hilfen würden veruntreut und Unfähigkeit machten jeden Erfolg seiner Armee zunichte.

Die Korruption der serbischen Führung in Pale war kein Geheimnis.  Selbst im entlegensten Schützengraben wußte man längst, daß der vermeintliche Serben-Retter Radovan Karadzic in den Kasinos von Belgrad pro Nacht Millionen DM verspielte während der Sold eines Soldaten an der Front 8 DM monatlich betrug. Massenweise machten sich Deserteure jede Nacht auf den Weg, um mit Booten über die Drina den sicheren Hafen Belgrad zu erreichen. Mladics Versuche,  Tausende seiner Deserteure gewaltsam wieder mit Bussen nach Bosnien zurückzubringen, blieben erfolglos. Erst als auch serbische Polizisten die „Verräter“ jagten, konnten einige wieder in den Dienst des Vaterlandes gestellt werden.
Indes, nicht genug um 1600 km Grenzlinie zu kontrollieren, die die Serben mittlerweile in Bosnien erobert hatten.
Mladic – vergeblicher Bittsteller in Moskau

Neid und Panik muß Mladic gleichermaßen erfaßt haben wenn er die Entwicklung beim Kriegsgegner beobachtete. Die  bosnischen Armee hatte mittlerweile nicht nur weitaus mehr Kämpfer zur Verfügung, sie  erhielt auch – mit stillschweigendem Einverständnis der USA und unter Verletzung des  Waffenembargos – immer mehr Militärausrüstung aus dem Iran, Saudi-Arabien und der Türkei.
In  Washington wurde auf  Drängen Senator Robert Doles zugleich  darüber diskutiert, das Waffenembargo gegen die Muslime in Bosnien einseitig aufzuheben. Amerikanische Militärausbilder schulten seit langem die  bosnischen Militärs. Im Falle eines (mehrfach angedrohten) Rückzugs der Unprofor sollte die bosnische Armee zum gleichwertigen Gegner auf dem Schlachtfeld werden.

Solchen Entwicklungen konnte Mladics nur verzweifelt hinterherrennen. Belgrad leistete zwar nach wie vor militärische Hilfe  – doch Milosevic wollte sich die Chance einer Aufhebung des gegen Serbien verhängten Wirtschaftsembargos  nicht von „Verrückten“,wie er die serbische Führung jenseits der Drina mittlerweie bezeichnete, nehmen lassen. Mladic reiste heimlich als Bittsteller nach Moskau  – letztmals am 3.April 1995 – und forderte von dort militärische Hilfe. Vergeblich.  Jelzin dachte nicht daran, sich die guten Beziehungen zu Washington durch den international geächteten  „Schlächter“ zerstören zu lassen.

 

Erfolgreiches Prinzip „Geiselnahme“

Als die UN mit der Resolution 998 vom 15.6.1995, also einen Monat vor der Einnahme Srebrenicas, auch noch eine 12 500 Mann starke „schnelle Eingreiftruppe“ genehmigte, die ausgerüstet mit Panzern, schwerer Artillerie und Kampfhubschraubern in Bosnien zum Einsatz kommen sollte und  auch befugt war, direkte Angriffe gegen die Serben zu führen, mußte Mladic um sein letztes Faustpfand bangen: Die bis dato erfolgreiche   Erpressung durch Geiselnahmen.

Eine bewährte Methode, mit welcher er bisher dem Westen  die Daumenschrauben ansetzen konnte und der ihm, so wird vermutet, später auch den ungehinderten Einmarsch in Srebrenica ermöglichte.

Als am 25.5.1995 Natoflugzeuge – wenn auch halbherzig – zwei (leere) Munitionslager bei Pale bombardiert hatten, zögerte Mladic keinen Augenblick.  Schon am nächsten Tag sah die Welt auf ihren TV-Bildschirmen 370 UN-Soldaten, angebunden an Brückenpfeilern und als Geiseln schutzlos der Willkür eines vor Wut schäumenden Mladics ausgeliefert, der mit Erschießung drohte falls die Nato ihre Bombardierung fortsetze.
Das Kalkül ging auf. Der Westen kroch zu Kreuze. Am 28. Mai wurden die Nato-Angriffe bis auf „absehbare Zeit“ gestoppt.

Geheimabsprache zwischen Mladic und Frankreich?

Mit „einer persönlichen Botschaft“ des französischen Präsidenten Jacques Chirac reisten französische Generale, unter ihnen der UN-Kommandant Bosniens Bertrand Janvier eilends  nach Zvornik, um in Geheimgesprächen mit Mladic über die Freilassung der Geiseln – die meisten davon Franzosen – zu verhandeln. Der formulierte seine Bedingungen klar: Die Geiseln im Austausch zum künftigen Verzicht der Nato, Luftangriffe auf die bosnischen Serben zu fliegen.
Die Geiseln wurden freigelassen, die Offiziellen der UN und die französischen Offiziellen negieren bis heute einen deal.
Doch kaum einer der internationalen Beobachter oder Militärexperten zweifelt an dieser Form des Lösegelds. Selbst der bekannte US-Vermittler Richard Holbrooke spricht in seinem Buch „Der Weg nach Dayton“ von wichtigen, wenn auch indikativen Beweisen,  daß es nach der Befreiung der Geiseln zu einer Geheimabsprache zwischen den lokalen Kommandanten der UN und den bosnischen Serben kam bei welchem der künftige Verzicht auf Luftangriffe der Nato zugesagt wurde. Überzeugt von solch eine Zugeständnis gaben sich auch Milosevic und die Führung in Pale.

Das Verhalten der UN-Offiziellen, unter ihnen UN-Kommandant Bertrand Janvier, bei der Attacke auf Srebrenica und den bereits absehbaren Exekutionen bestätigt diesen Verdacht eher als daß er ihn ausräumt. Man zögerte tagelang bei der Anforderung von Nato-Luftangriffen, beschönigte die tatsächliche Situation in der Enklave und beschuldigte sich am Ende gegenseitig des Fehlverhaltens und der „Fehleinschätzung“.  Ohne Zustimmung der UN waren der Nato, deren Kampfhubschrauber teils stundenlang über der Adria kreisten und auf ihren Einsatz warteten,  die Hände gebunden. Der Grund ist ein „doppelter Schlüssel“, der bei Nato-Unterstützung sowohl der Zustimmung der Nato als auch der Vereinten Nationen bedarf.

 

 

Fürchtete Mladic die erneute Rekrutierung muslimischer Flüchtlige?

Und dennoch bleibt die Frage offen: Eine leere Enklave, aus der  nicht nur die Einwohner flüchteten sondern auch die zu ihrem Schutz beorderten holländischen UN-Soldaten um ihren freien Abzug flehten- was treibt einen siegreichen Feldherrn dann noch zum Völkermord?

War es jenes langgezogene Zelt, das nach Eintreffen der ersten Flüchtlinge aus Srebrenica am Eingang des Flughafens von Tuzla aufgebaut war und aus dessen Lautsprechern unermüdlich die  Stimme eines dort sitzenden bosnischen Militärs klang: alle Männer, die eintreffen, hätten sich zuerst beim Kommando zu melden um ihren nächsten Einsatzbefehl abzuholen. Erst dann könnten sie sich kurz bei ihren Familien melden. Gespräche mit Ausländern auf dem Flugfeld seien nicht erlaubt.

Währenddessen kauerten in  unzähligen kleinen Zelten auf dem Rollfeld Tausende evakuierter Frauen und Kinder aus Srebrenica, die  angstvoll auf ihre Männer, Väter und Söhne warteten – bereits wissend, daß ein Großteil in serbischen Hinterhalt geriet?

Sollte Mladic die Tötung von 7000 Männern und Jungen nicht bereits Monate vorab geplant haben, so wäre spätestens dies  der Zeitpunkt gewesen, ihn in unkontrollierte Panik zu versetzen. Gerettete Muslime als erneute Frontkämpfer gegen seine ohnehin geschwächte Armee zu sehen waren für ihn zweifellos unvorstellbar.

 

Unsäglicher Haß zwischen Muslimen und Serben

Oder war es Rache? fragte der Staatsanwalt des Haager Kriegstribunals den ehemaligen französischen  UN-Kommandanten und 5-Sterne-General Philippe Morrillon am 12.2.2004 im Zeugenstand. Morillon war  zwischen 1993 und 1994 in Srebrenica stationiert und hatte nur eine Antwort: Ja – ja – und nochmal ja. Nirgendwo in Bosnien habe er solch tiefen Haß zwischen Serben und Muslimen gesehen wie in dieser Region. Was 1995 passierte sei sei eine direkte Reaktion auf die grausamen Verbrechen, die der für Srebrenica zuständige militärische Führer der bosnischen Armee, Naser Oric, an der serbischen Bevölkerung in den umliegenden Dörfern verübt hätte. Oric sei ein „warlord“ gewesen, der mit Terror regierte – sowohl über seine Region als auch über die muslimanische Bevölkerung. Und er habe in einem Gespräch mit ihm, sagt Morillon, nicht einmal eine Entschuldigung für die Morde gesucht. Sein Standpunkt sei gewesen, ..“man könne sich nicht mit Gefangenen belasten.“  Schon damals habe er mit dem Schlimmsten gerechnet,  falls die Serben jemals in die Enklave eindringen würden.

Daß die muslimanische Armee aus der Schutzzone Srebrenica heraus Massaker an den Serben verübte, wird von Sarajewo nur ungern bestätigt und gerne auch mit dem Vorwurf gekontert, die Anschuldigungen seien „pro-serbisch“ gefärbt. Tatsache ist, daß allein am orthodoxen Weihnachtsfest 1993 49 serbische Einwohner des Dorfes Kravica von der bosnischen Armee und ihrem Militärführer Oric getötet und 86 schwer verletzt wurden.

 
Die Mafia von Srebrenica

Doch auch innerhalb der Enklave herrschte laut Pulitzer-Preisträger David Rohde erbitterter Streit zwischen den dortigen Muslimen. Schießereien zwischen muslimischen Fraktionen waren an der Tagesordnung.  In seinem Buch „Endgame – The betrayal and fall of Srebrenica“ beschreibt Rohde, wie die politische Führung der Stadt  nicht minder in Korruption verwickelt war wie die Serbenführer aus Pale. Humanitäre Hilfen wurden gehortet und zu Schwarzmarktpreisen an die hungernde Bevölkerung verkauft, Hundertausende von Dollar die aus Sarajewo oder der Emigration eingeschleußt wurden um an die Hinterbliebenen getöteter Kämpfer verteilt zu werden landeten in den Taschen der herrschenden Mafia. Vor Attentaten auf politische Opponenten wurde nicht gezögert.

 

Feind „Unprofor“

Dazu kam der Haß gegen die eigenen Beschützer. Grenzenloses Mißtrauen gegenüber den holländischen UN-Truppen führte lt. Rohde zur absurden Situation daß man während der serbischen Attacke auf die Stadt sogar erwägte, holländische Geiseln zu nehmen oder einige UN-Soldaten zu erschießen. „Fuck you“ war in diesen Tagen das meistgehörte Wort das die Blauhelme aus den Niederlanden von den   Muslimen hörten.

Die Antipathie beruhte auf Gegenseitigkeit. Der französische Kommandant Bertrand Janvier hatte der bosnischen Armee mehrmals vorgeworfen,  sie schieße mit Scharfschützen auf UN-Soldaten um dies anschließend den Serben anzulasten.

Verschärft wurde die Situation in diesen dramatischen Tagen  durch die Erschießung eines holländischen Soldaten am 6.Juli durch bosnische Kämpfer.
Was dagegen am 11.Juli geschah bleibt weiter ungeklärt.
Als Muslime einen holländischen Panzer nahe dem Dorf Jaglici blockierten, soll der Kommandant des Panzers die Fahrt fortgesetzt und dabei mehr als 20 Muslime getötet haben. Ein holländischer Soldat  filmte das Geschehen – doch der Film wurde später im holländischen Verteidigungsministerium „versehentlich“ vernichtet.

Rohde beschreibt, wie am 10. Juli – also einen Tag vor der endgültigen Eroberung der Enklave – General Janvier die Bosnier beschuldigte, sie versuchten bewußt die UN in Kämpfe zu verwickeln.
Ich erinnere jeden, wird Janvier zitiert, daß die Truppen der bosnischen Armee stark genug sind, sich selbst zu verteidigen.

 

Verrottete Raketen oder modernste Abwehrwaffen?

Waren sie dies tatsächlich?  Daß Srebrenica nicht „demilitarisiert“ war, wie dies die UN-Resolution vorsah, will heute kaum noch jemand bestreiten. Tatsache ist auch, daß sich die Mehrheit der dort befindlichen rund 4000 Soldaten mit  weiteren 6000 – 10 000 männlichen Einwohnern der Stadt schon einen Tag vor der Einnahme der Stadt, also am 10.Juli, in den Wäldern versammelte. Die Kolonne wollte sich ins muslimisch-bosnisch kontrollierte Tuzla durchschlagen -ohne auch nur einen Schuß auf die anrollenden serbischen Panzer abzugeben. Der Rechtfertigung, die vorhandene Militärausrüstung sei marode und unbrauchbar gewesen stehen präzise Angaben konstanter Waffenlieferungen an die Schutzzone gegenüber. Selbst Bosniens Präsident Alija Izetbegovic sagte am 5.8.1995: „Unsere Armee versuchte, Srebrenica ausreichend Waffen zukommen zu lassen. Wir haben 17 Hubschrauber mit Waffen in die Stadt geschickt und unsere Armee-Experten waren sicher, man könne damit Srebrenica 30 Tage verteidigen. Warum, fragte Izetbegovic,  wurde in Srebrenica nicht ein einziger Panzer getroffen?“
Bosniens Generalstabschef Rasim Delic führte das militärische Desaster auf die innere Destruktion der Lokalpolitiker in der Stadt zurück, welche selbstherrlich und  parallel regiert und die Anordnungen aus Sarajewo mißachtet hätten. Man habe Srebrenica in den letzten Monaten mehr Waffen zukommen lassen als der Generalstab 1993 für ganz Bosnien wollte, sagte Delic: Antipanzerwaffen für größere Entfernungen, Laserwaffen, ausreichend Raketen und genügend Munition.

 

Washingtons geheime „Schwarz-Flüge“

Und es war nicht allein Sarajewo, das die Enklave aufrüstete. Cees Wiebes, holländischer Geheimdienstexperte, zitiert in seinem Buch „Intelligence and the war in Bosnia“ Dutzende von Quellen, die konstante nächtliche „Schwarz-Flüge“ mit Waffenlieferungen für die Enklaven bestätigten. Die UN kontrollierte zwar in Tuzla die längste Landebahn. Doch drei weitere Landebahnen waren relativ weit von dieser entfernt und uneinsehbar für die dort stationierten Blauhelme.
Ein Auszug aus Cees Wiebes Buch:
Am 10.2.1995 um 17.45 stand der norwegische Pilot Ivan Moldestad vor seiner Unterkunft etwas außerhalb von Tuzla. Es war dunkel, als er plötzlich die Propeller eines vorbeifliegenden Transportflugzeuges hörte. Es war eindeutig eine 4-motorige Hercules C-130, die von 2 Kampfjets begleitet wurde. Auch andere Augenzeugen bemerkten das Flugzeug und berichteten dies dem Nato-Flugzentrum in Vicenza sowie der UN-Flugkontrolle in Naples. Als Moldestad in Vicenza anrief wurde ihm gesagt, es haben keine Flugverkehr in dieser Nacht gegeben, er müsse sich geirrt haben. Als er insistierte wurde die Verbindung unterbrochen.

Ein britischer General, der direkten Zugriff auf die Geheimdienstprotokolle einer britischen Spezialeinheit hatte, war sich der amerikanischen Herkunft dieser Waffen sicher.
Für die Lieferungen von Waffen und Militärausrüstung via den Flughafen Tuzla besitze die UN Beweise, bestätigte auch der amerikanische Militärexperte Richard Butler vor dem Kriegstribunal in Den Haag.

Der Kommandant der Schutzzone Zepa, von welcher aus die Waffen nach Srebrenica weiter transferiert wurden,  berichtete Mitte April 1995 er habe nach Srebrenica 50 000 Schuß Munition, 110 Minen, 90 Maschinengewehre und Uniformen weitergeleitet.  In Zepa seien zusätzlich 4 TF8 Raketen eingetroffen sowie 1 Raketenwerfer.

Daß solche Angaben offiziell dementiert werden, ist kaum überraschend.

 

Izetbegovic, ein frustrierter Landesführer zwischen 2 Fronten

Kaum überrascht über den serbischen Angriff auf Srebrenica hatte sich indes auch Bosniens Präsident Alija Izetbegovic gezeigt. Als am 11.7. die Meldung von der Eroberung der Enklave eintraf, unterbrach dieser nicht einmal die Sitzung des Hauptausschusses seiner SDA-Partei in Zenica, an der er ebenfalls teilnahm.  Ganze 5 Minuten wurden dem Verlust der Stadt gewidmet.
Tatsächlich hätte der bosnische Führer  blind und taub sein müssen, um aus dem jahrelangen Drängen zahlreicher internationaler Vermittler zu einem Austausch Srebrenicas gegen die von Serben besetzten Vororte Sarajewos nicht auch die damit verbundene Drohung zu hören. Der damalige bosnische Außenminister Muhamed Sacirbegovic erinnert sich an konkrete Warnungen, man werde im Falle einer Weigerung Sarajewos, die Enklaven auszutauschen, diese im Fall eines serbischen Angriffs nicht verteidigen. Premier Haris Silajdzic wurde beim Besuch in den USA am 8.6.1995 ebenfalls  eindringlich aufgefordert, die Enklaven aufzugeben. Diese seien ohnehin verloren. Einer Warnung, der sich Warren Christopher, Charles Redman, Richard Holbrooke – allesamt enge Berater von Präsident Clinton, anschlossen.
Lt. Aussagen des ehemaligen Kommandanten des bosnischen Armee, Sefer Halilovic hatte Izetbegovic seit 1993 den Führern in Srebrenica mehrmals den Tausch vorgeschlagen. Doch diese hätten abgelehnt.
Am 15. März 1995, also 2 Monate vor der Eroberung der Enklaven Srebrenica und  Zepa, schickte der in Bedrängnis geratene Izetbegovic sogar einen Unterhändler, den Akademiker Muhamed Filipovic, nach Belgrad um mit Milosevic über einen Territorientausch und eine eventuelle Umsiedlung der Bevölkerung zu verhandeln.
In seinem Buch „Schlaue Strategie“ vermutet Sefer Halilovic, daß es schließlich zu einer Vereinbarung zwischen Izetbegovic und  Milosevic gekommen sei. Sarajewo habe dabei zugesagt, einen Gebietsaustausch stillschweigend zu dulden, wenn dieser unter Vermittlung der USA und EU stattfände.

Der Abzug des Militärchefs  von Srebrenica,  Naser Oric,  samt 15 weiterer Militärkommandanten im April 1995 aus der Stadt und das von Izetbegovic verhängte Verbot ihrer  Rückkehr schien zunächst  für viele ein Indiz , daß der bosnische Präsident mit einem bevorstehenden Fall der Enklave rechnete.

 

3 Affensystem: nichts sehen, nichts hören, nichts sagen

Doch warum kam es nicht zu einem friedlichen  Gebietsaustausch, dem lt. Holbrooke auch die Serben in Pale zugestimmt hätten?
Hatte sich Izetbegovic, der für eine Meinungsänderungen berüchtigt und international gefürchtet war, doch für die spektakuläre Lösung entschlossen, die die Nato zur Verteidigung der Schutzzone zwingen würde und vielleicht sogar zur lang ersehnten Bombardierung aller bosnisch-serbischen Stellungen?  Man mag Izetbegovics Verzweiflung nachvollziehen, der zu Kriegsbeginn überzeugt war, der Westen werde sein Bemühen um die Einheit Bosniens notfalls mit Gewalt verteidigen und am Ende feststellen mußte, daß dies eine Fehlkalkulation war.

Doch wurde der Westen vom Zeitpunkt des Angriffs auf Srebrenica tatsächlich überrascht?
Unzählige abgehörte Gespräche der Geheimdienste und der Kriegsparteien untereinander  sollen bereits Wochen vor dem Angriff der Serben auf deren Absicht hingewiesen haben, die Enklave gewaltsam zu erobern.  Bosnien sei zu diesem Zeitpunkt das am meisten abgehörte Land der Welt mit Hunderten von Agenten gewesen, die nicht nur die Kriegsparteien sondern sich auch gegenseitig abhörten und ausspionierten, schreibt Geheimdienst-Experte Wiebes. Sie hätten sich in UN-Posten infiltriert, in humanitäre Organisationen, das Rote Kreuz und alles, was in Bosnien Zugang zu Informationen und Terrain  hatte. Vor allem die Amerikaner hätten dabei, ohne selbst Bodentruppen stationiert zu haben,  das gros der Agenten gestellt.
In Zagreb führte der CIA ein eigenes Büro, das er jedoch sorgsam vor den Kollegen anderer Staaten abschirmte. Jeder der Geheimdienste habe sein eigenes Süppchen gekocht, stellt Wiebes fest, die gesammelten Daten seien nur selten der UN zur Verfügung gestellt worden sondern fast ausschließlich den eigenen nationalen Sicherheitsbehörden.
Angeblich hatten die Späher auch direkten Zugang ins Umfeld von Mladic und Karadzic.
Trotzdem will kein einziges Land über die serbische Attacke vorab informiert gewesen sein.

Verspätete Auswertung von Filmmaterial, fehlende Dolmetscher.

Für die technisch hochentwickelten Abhöranlagen, Satelliten und Aufklärungsflieger  war selbst der militärischen Funkverkehr der Kriegsparteien keine Hürde. Bei den Prozessen vor dem Haager Kriegstribunal wurden Hunderte von Abhörprotokollen als Beweise vorgelegt.  Bis heute negiert jedoch jedes dieser Länder, die sich sonst der Erkennung einer Fliege auf dem Teller rühmen, Echtzeit-Informationen über die geplante serbische Offensive und vor allem die tagelangen Exekutionen gehabt zu haben.
Die Recherchen zahlreicher Journalisten halten diese Aussagen nicht für glaubwürdig. .
Als die Ermordung muslimanischer Männer in vollem Gange war, hätten zwei amerikanische Auflärungsflugzeuge U2 und Predator Hunderte von Luftaufnahmen gemacht, behauptet der französische Journalist Jacques Masse in seinem Buch „Unsere lieben Kriegsverbrecher“. Auf einer Fotografie vom 17.Juli sei auf einem Feld nahe einem Landwirtschaftsgelände in Branjevo aufgewühltes Erdreich zu sehen, in welchem Leichen in Eile von Baggern verscharrt worden waren – rechts davon sei der Boden immer noch von Toten überdeckt gewesen. Die Bilder wurden jedoch erst am 9. August dem UN-Sicherheitsrat von der damaligen Vertreterin Washingtons bei den Vereinten Nationen, Madeleine Albright, übergeben. Auch die durch ihre Position als Sprecherin der damaligen Chefanklägerin Carla del Ponte unmittelbar an der Dokumentenquelle sitzende Journalistin Florence Hartmann hegt keine Zweifel; Die westlichen Mächte hätten alle  Vorab-Kenntnisse über die serbische Offensive gehabt und die Massenmorde in Echtzeit verfolgt. Der deutsche Geheimdienst-Experte Udo Ulfkotte schreibt in seinem Buch „Verschlußsache BND“ der britische Außenminister Malcom Rifkind habe – nur wenige Minuten zeitversetzt – die Massaker von Srebrenica verfolgen können.
Ein Vorwurf, der verständlicherweise von Washington bis London  heftig bestritten wird. Die Begründungen dafür sind dennoch suspekt: Schlechte Qualität der Bilder, fehlende Dolmetscher beim Abhören der aufgezeichneten Gespräche, unter anderem zwischen den direkten Verantwortlichen bei der Planung des Angriffs.

Ignoranz und Desineresse

Holland sieht sich in diesem Vertuschungsmanöver der Großmächte als Bauernopfer. Sowohl die USA als auch  Großbritannien hätten schon Anfang Juni von dem Angriff der Serben  Kenntnis gehabt, behauptet der ehemalige niederländische  Verteidigungsminister Joris Voorhoeve ….diese Information jedoch nicht an die holländischen Blauhelme weitergeleitet.
Dies ist wenig glaubwürdig.
Schon am 8. Juni, einen Monat vor dem Fall der Enklave, hatte die bosnische Armee ein dringendes Treffen mit dem „Dutchbad“, den seit 1994 zum Schutz Srebrenicas stationierten rund 400 holländischen Soldaten gefordert. Dem holländischen Komandanten Karremans wurde dabei ein erwarteter Frontalangriff der Serben mitgeteilt.
Doch der zeigte sich wenig beeindruckt. Zudem erwartete er, daß  die bosnische Arme im Fall eines Angriffs Srebrenica selbst verteidige. Dazu, hatte Karremans im Juni den militärischen Führern der Stadt gesagt, sei sie seiner Meinung nach stark genug.

Unterhosen und  konfiszierte UN-Fahrzeuge

Doch ob mit oder ohne Vorinformation: Die Peinlichkeit der hasenfüßigen Oranje-Truppe war – auch unter Berücksichtigung des eigenen Schutzes –  kaum noch zu toppen. Zeugen berichteten, daß sich viele Blauhelme in Srebrenica bis auf die Unterhosen von den Serben entkleiden ließen, damit diese mit deren Uniformen später die Muslime als vermeintliche „UN-Soldaten“ in den Hinterhalt locken  konnten.
Weiße UN-Fahrzeuge wurden gekapert, Gewehre und Panzerwesten konfisziert und 30 holländische Soldaten von Mladic erneut als Geiseln in Bratunac, einer nahen unter serbischer Kontrolle stehenden Gemeinde, festgehalten.

 

Karremans – das Symbol eines mißverstandenen Mandats

An der Spitze der holländischen Schutzmacht stand der als  arrogant  und selbstherrlich geschilderte Kommandant Thomas Karremans, von dem  Serbengeneral Mladic kurz vor dem Angriff auf Srebrenica und zur Abwägung aller Störfaktoren ein Psychogramm anfertigen ließ. Mladic konnte mit dem Ergebnis zufrieden sein. Karremans wurde als feiger Bürokrat mit niedriger militärischer Moral charakterisiert.
Mit dem UN-Mandat, die Bevölkerung der Enklave zu schützen, konnte er sich offenbar nur schwer identifizieren. Seine  Ressentiments gegenüber den Muslimen waren nicht zu verbergen.
Selbst die Verteilung von Bonbons an die Kinder wurde seinen Soldaten strikt verboten.
Als das Krankenhaus in Srebrenica angesichts der zahlreichen Verwundeten während der serbischen Bombardierung  um medizinische Hilfe bat lehnte er dies mit dem Hinweis ab, man sei ausschließlich verpflichtet, den holländischen Soldaten Hilfe zur Verfügung zu stellen.
Unbarmherzig weigerte sich Karremans auch der Bitte seines langjährigen Dolmetschers Hasan Nuhanovic nachzukommen, dessen Vater und Bruder zu retten. Beide wurden später von holländischen Soldaten den Serben übergeben und später getötet.
2011 sprach ein Gericht in Den Haag Holland dafür schuldig.
Das Ego des Kommandanten der holländischen Truppen erwies sich als fataler Fehler. Informationsquellen aus der Bevölkerung lehnte er strikt ab. Als am 18.3.1995 zwei neue Männer des britischen Geheimdienstes in Srebrenica ankamen und Kontakt mit den Muslimen in der Enklave suchten, soll Karremans ihnen dies wütend verboten  und sogar gedroht haben, sie aus der Enklave zu vertreiben.

 

Der merkwürdige Versuch einer Bombardierung

Die verzweifelten Rufe des holländischen Kommandanten nach „Nato-Luftunterstützung“ setzten erst ein, als er tagelang die Situation fehleingeschätzt hatte und davon ausging, die Serben wollten nur die Umgebung Srebrenicas freikämpfen um einen Korridor zu den isolierten serbischen Gemeinden zu schaffen.
Das Eingreifen der Nato scheiterten aber auch an der Hinhaltetaktik der UN-Verantwortlichen in Zagreb. Erst am 11. Juli, als die Stadt bereits in den Händen der Serben war und General Mladic diese „seinem Volk als Geschenk überreichte“  warfen  2 holländische F 16 Kampfflieger Rauchbomben über Srebrenica ab. 2 Stunden später flogen 2 amerikanische F-16 über der Stadt –   mit der strikten Anweisung nur die Artillerie anzugreifen, die Feuer auf die Posten der UN eröffne. Letztere, so schreibt David Rohde in seinem Buch, hätten ihre Bomben mangels  Zielführung aber nicht abwerfen können – von den  beiden holländischen Flugkontrolleuren habe sich einer parallisiert vor Angst nicht mehr bewegen können, der zweite sei schreiend auf dem Boden gelegen und habe geschrien: ich will nicht sterben.
Erfolgreiche Erpressung
Mladic hatte zwischenzeitlich längst auf sein bewährtes Szenario zurückgegriffen. Die holländischen Geiseln mußten aus Bratunac ihre  Base anrufen und ihre bevorstehende Erschießung ankündigen, falls die Nato weiter bombardiere. Karremans wurde von Mladic wütend gefragt, ..“ob er seine Familie wiedersehen möchte“..Den  TV-Kameras in aller Welt präsentierte sich Mladic dagegen als humaner Sieger: Das Sektglas in der Hand stieß er mit Karremans an, den Kindern schenkte er Schokolade, den Einwohnern Srebrenicas versprach er eine sichere Evakuierung in ihr eigenes Territorium.

Um 16.30 Uhr wurden die Angriffe einstellt. Srebrenica sei gefallen, meldete der Spezialbeauftragte des UN-Generalsekretärs für das ehemalige Jugoslawien, Yashushi Akashi, nach New York.

Freie Fahrt in den Tod

Ein mental überforderter Karremans akzeptierte widerstandslos die Anordnung Mladics,  die rund 30 000 muslimischen Männer und Frauen, die in der UN-Base Potocari nahe Srebrenica Zuflucht gesucht hatten,am 12. Juli  ausschließlich  unter serbischer Aufsicht zu evakuieren. Selbst 30 000 Liter Diesel für den Transport stellten die erniedrigten und demoralisierten Holländer den Serben zur Verfügung.
Zeugen berichten, daß die holländischen Beschützer sogar dabei halfen, wehrpflichtige Männer von Frauen und Kindern zu trennen.
Dies, obwohl die meisten von ihnen längst beobachtet hatten, daß in dem „berüchtigten weißen Haus“ nahe der Base Dutzende von Männern ermordet worden und in einen nahen Fluß geworfen worden waren.
Die verängstigenden Blauhelme hatten nur eines im Sinn: So schnell wie möglich weg!

Als die Todestransporte mit den schreienden und um Hilfe rufenden Männern aus Potocari abfuhren, wußten diese vermutlich, daß dies ihre letzte Fahrt sein würde. Am 17. Juli war der Völkermord beendet.

 

Ein Nachspiel als Feigenblatt für die Geschichtsbücher

Was folgte war der Versuch der Großmächte, die eigene Schuld am Tod von 7000 Männern zu kaschieren. Frankreichs Präsident Chirac wollte mit französischen Soldaten die Enklave „zurückerobern“ und forderte bei deren Stationierung die Luftunterstützung der USA. Andernfalls drohte er mit dem Abzug der französischen UN-Soldaten aus Bosnien.  Weder Washigton noch London stimmten diesem Plan zu.

Der Friedensplan für Bosnien war jedenfalls unter Dach und Fach. Srebrenica wurde serbisches Territorium, wenige Tage später eroberten die Serben auch die Schutzzone Zepa. Gorazde konnte gerettet werden.

Doch am Ende sei die Frage erlaubt: Wer soll all dies den Müttern, Vätern und Söhnen erklären, die in diesen Tagen vor den Mahnmalen ihrer grausam hingerichteten Familienangehörigen trauern..

 

 

 

 

 

 

 

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Die Tränen der First Lady

Mut kann man Aleksandar Vucic, dem serbischen Vizepremier und vermutlich künftigen Premier des Landes, nicht abstreiten. Mit der Verhaftung zweier ehemaliger Geheimdienstmitarbeiter vergangene Woche als vermutliche Todesschützen bei der Ermordung des serbischen Verlegers Slavko Curuvija am 11.4.1999 sticht er allerdings in ein gefährliches Wespennetz, das schnell zum Bumerang werden könnte. Die Gefahr liegt dabei weniger an der Glaubwürdigkeit des Kronzeugen, des u.a. wegen Mordes am serbischen Premier Zoran Djindjic (2003) zu 40 Jahren Haft verurteilten Milorad Ulema Legija – einem ehemaligen Kommandanten einer Spezialeinheit der Polizei mit Tötungslizenz. Schliesslich, so die Staatsanwaltschaft, habe man etliche Morde auch in der Vergangenheit nur dank Hinweisen aus dem kriminellen Insidermilieu aufdecken können. Auch die Tatsache, dass Vucic zum Zeitpunkt des Curuvija-Mordes Informationsminister war und Serbiens derzeitiger Premier Ivica Dacic ein enger Vertrauter Milosevics ist für die Öffentlichkeit zunächst kein grosses handicap.
Die Vorschusslorbeeren als rücksichtsloser Aufdecker von Korruption und Kriminalität – und sei es in den eigenen Reihen – kann Vucic aber nur dann rechtfertigen, wenn sich neben den Handlangern auch die tatsächlichen Auftraggeber und Hintermänner auf der Anklagebank finden. Schliesslich war es niemals ein Geheimnis, dass der ehemalige serbische Geheimdienst und dessen damaliger Chef Radomir Markovic Organisator Dutzender von Liquidierungen während der Milosevic-Ära war. Wenig wahrscheinlich ist jedoch, dass dieser mit einem blankoscheck des Regimes handelte.
Mittlerweile hat sich auch die EU der Forderung nach Ausweitung der Ermittlungen auf die Auftraggeber dieser Verbrechen angeschlossen. EU-Erweiterungskommissar Stefan Füle sieht darin eine notwendige Voraussetzung, damit Serbien bei den künftigen Beitrittsgesprächen die nötige Kredibilität besitze.
Doch hier beginnt das Dilemma. Niemand zweifelt daran, dass nur die Milosevic-Familie selbst die Entscheidung über Leben oder Tod ihrer tatsächlichen oder vermeintlichen Gegner, über heimliche Machtanwärter oder gefährliche Augenzeugen der Kriegspolitik Milosevics treffen konnte. Initiatorin der Morde sei jedoch Milosevics Ehefrau Mirjana Markovic, im Volksmund „die Hexe“ genannt, gewesen. Dies behauptet nicht nur die bekannte Soziologin Vesna Pesic, die massgeblich am Sturz Milosevics beteiligt war. Auch die Mehrzahl der Bevölkerung sowie die Angehörigen der Opfer stimmen ihr zu. Die ehemalige Präsidentin der „Jugoslawischen Linken“ (JUL), einer neokommunistischen Partei und Vereinigung von Kriegsprofiteuren, war 2003 nach Russland geflohen und lebt dort samt Sohn Marko im Eliteviertel nahe Putins Residenz.
Mirjana Markovic wird vorgeworfen, beim Kampf um die Machterhaltung ihres Gatten und dem Schutz des Zigaretten-Schwarzmarkt-Imperiums von Sohn Marko keine Skrupel gekannt zu haben. Wer vom Günstling zum Kritiker des Herrscherpaares wurde, hatte Glück, wenn sich der Unmut der Präsidentengattin nur in einer medialen Vernichtungskampagne niederschlug. Curuvijas ehemalige Kollege Radoslav Petkovic erinnert sich, wie ihm der Verleger von einem letzten Gespräch mit der „First Lady“ berichtete: Sie sei wütend gewesen und hätte beim Abschied Tränen in den Augen gehabt. Mein Kommentar, sagt Petkovic, war damals: Slavko ist tot. Mira hat bereits seinen Sarg beweint.
Einen Tag später wurde der Journalist nicht nur in den Medien vorsorglich als Verräter gebrandmarkt, der die bereits seit 2 Wochen über Belgrad fallenden Natobomben herbeigewünscht habe, sondern mit 17 Kugeln im Zentrum Belgrads vor seiner Mietswohnung durchsiebt – der letzte Schuss direkt in den Kopf. 8 Tage lang hatten ihn 27 Mitarbeiter des Geheimdienstes rund um die Uhr beobachtet. Als sie den telefonischen Befehl zum Rückzug erhielten, war dies das obligatorische Zeichen für die unmittelbare Vollstreckung des Todesurteils. Nie werde sie diese ruhige Kaltblütigkeit vergessen, mit welcher der schwarz vermummte Mörder einem Menschen das Leben nahm, sagt die Historikerin Branka Prkpa später. Sie hatte ihren Lebensgefährtin an diesem 11.April 1999 , dem orthodoxen Osterfest, begleitet und war von einem zweiten Attentäter mit einem Gewehrlauf von hinten niedergeschlagen worden.
Als tatsächlicher Hintergrund des Mordes wird eine Reise Curuvijas in die USA vermutet, die vor allem Mirjana Markovic missfiel. Spekulationen, er könne sich dabei die Unterrstützung Washingtons bei der Ablösung Milosevics gesichert haben, wurden laut. Die angekündigte Gründung einer eigenen Partei war dann nur noch Öl ins Feuer dieser Gerüchte.

Glaubt man den Aussagen des ehemaligen serbischen Premier Zoran Djindjic (ermordet 2003, ebenfalls vom Geheimdienst), sollten während der Natobombardierung im Falle von Unruhen in der Bevölkerung sofort Todesschwadronen Dutzende von Intellektuellen töten. Ein Geheimdienstmitarbeiter hatte Djindjic im Vertrauen die Liste der zu Liquidierenden gezeigt, auf der auch sein Name stand.
Djindjic, damals noch Oppositioneller, versteckte sich daraufhin bis Kriegsende in Montenegro.
Wer jedoch gehofft hatte, das Kriegsende werde auch die Mordlust der Geheimdienste stoppen, sah sich getäuscht. Im Gegenteil. Im Hause Milosevic manifestierte sich paranoische Angst vor einem Machtverlust sowie steigendes Misstrauen gegenüber Mitwissern serbischer Kriegspolitik.
Attentate wurden kaum noch glaubwürdig getarnt. .
Nur ein knappes halbes Jahr nach dem Tod von Curuvija sollte ein weiterer potentieller Konkurrent für den Präsidenten beseitigt werden: Vuk Draskovic, der es als charismatischster Oppositionspolitiker besser als jeder andere verstand, Demonstranten gegen Milosevic zu motivieren.
Ein mit Sand beladener Lkw mit einem Auftragsmörder am Steuer sollte die Jeeps mit Mitgliedern der Partei der Serbischen Erneuerungsbewegung (SPO) auf der Ibarska Magistrale, rund 60 km von Belgrad entfernt, rammen und den Insassen keine Überlebenschancen lassen.
Der 1. Jeep mit Draskovics Ehefrau konnte ungeschoren passieren, im 2. Jeep wich Draskovics Fahrer reaktionsschnell in einen Kanal aus, das 3. Fahrzeug geriet unter den Lkw. Alle 4 Insassen, darunter Draskovics Schwager, verkohlten bei der anschliessenden Explosion bis zur Unkenntlichkeit. Der Fahrer flüchtete durch ein nahes Maisfeld, zuvor hatte er in einem nahen Restaurant Speisen und Kaffee auf „Rechnung der Polizei“ anschreiben lassen. Alle Registrierungen des Fahrzeugs waren auf Anweisung des Geheimdienstes aus öffentlichen Dokumenten gelöscht worden.
Wie breit das Netz der willfährigen Handlanger eines im wahrsten Sinne mörderischen Regimes war, zeigte sich dann beim erneuten Attentatsversuch auf Draskovic am 15.7.2000. Mit Hilfe hoher Militärs, Polizeichefs und elitären Spezialeinheiten, die selbst die Flucht der Attentäter per Hubschrauber aus Montenegro nach Serbien organisierten, sollte der Oppositionelle endgültig zum Schweigen gebracht werden. Tagelang hatten die Attentäter sein Ferienhaus im montenegrinischen Budva observiert, um schliesslich von der ebenerdigen Terrasse durch die Jalousien einige Schüsse in den Wohnraum abzufeuern. Draskovic überlebte ein weiteres mal, nur oberflächlich mit einem Streifschuss am Ohr verletzt.

Nur 6 Wochen nach dem 2. fehlgeschlagenen Attentat auf Draskovic witterte das Regime einen neuen Feind, der sich vermeintlich den Präsidententhron erschleichen wolle. Es war kein geringerer als Serbiens ehemaliger Präsident Ivan Stambolic. Auch er sollte aus dem Weg geräumt werden. Milosevic hatte seinen langjährigen Mentor 1987 in einem internen Parteiputsch entmachtet und sich damit selbst an die Spitze der damaligen kommunistischen Partei katapultiert. Stambolic schrieb sein Todesurteils vermutlich selbst, als er sich im Sommer 2000 von der Opposition überreden liess, bei den nächsten Präsidentenwahlen gegen Milosevic zu kandidieren. Zwar entschied sich die Opposition später für Vojislav Kostunica als Herausforderer Milosevics – doch Stambolics Bereitschaft zur politischen Rückkehr hatte ihn zum potentiellen Gefahrenherd gemacht.
Am 25.8.2000 wurde er während seines morgendlichen Jogginglaufs von 2 Geheimdienstmitarbeitern in einem weissen Kombi entführt. Mit gefesselten Armen und Beinen chauffierten ihn die Männer, denen sich später noch 3 weitere Personen anschlossen, in ein einsames Waldgebiet in der Fruska Gora – einem Touristengebiet in der Provinz Vojvodina. Nachdem sie dort ein 1,20 Meter langes und 70 cm breites Loch gegraben hatten, forderten sie Stambolic auf, sich hinzuknien und feuerten von hinten 2 Schüsse auf ihn ab. Dann warfen sie ihn in die Grube, schütteten über seinen Körper Kreide und Wasser und bedecken das Grab mit Erde, Blättern und einem Baumstumpf.
Einen Monat später wurden sie von der Spezialeinheit der serbischen Polizei, JSO, ausbezahlt: 20 000 DM pro Person.
Die Knochen des ehemaligen serbischen Präsidenten Ivan Stambolic fand man erst im März 2003. Ohne den Hinweis aus dem Kriminellenmilieu wäre das Grab des Ermordeten vermutlich niemals entdeckt worden.
Für seine Ehefrau Katarina bestehen keine Zweifel, dass die Familie Milosevic Auftraggeber des Mordes war.
Es war nicht allein die Angst vor dem Machtverlust, die Milosevic zu immer irrationaleren Handlungen verleitete. Bald kam eine neue Sorge hinzu: Die Anklage vor dem Haager Kriegstribunal und die Gefahr, dass Mitwisser ihn belasten könnten – sei es um selbst einer Strafe zu entgehen oder aufgrund der zunehmenden Alkoholisierung ehemaliger Vertrauter, deren Geschwätzigkeit problematisch wurde.

3 Raffalle, durch das Fenster eines Restaurants in einem Belgrader Fussballclub, töteten am 7. Februar 2000 Verteidigungsminister Pavle Bulatovic. Der soll immer häufiger in weinseligem Zustand mit seinen Hilfsleistungen für das Regime geprahlt haben: über die Waffenkanäle nach Russland und Weissrussland, Weitertransfers von Waffen in den Irak, nach Palästina und Libyen. Kooperiert hatte er dabei vor allem mit JAT-Direktor Cika Petrovic, einem Mitglied von Mira Markovics JUL-Partei und ebenfalls ein Freund hochprozentiger Destillate. Petrovic hatte sich auch um die auf 4 Milliarden Dollar geschätzten Geldtransfers während des Embargos gekümmert und Koffer und Säcker voller Dollar und DM in den JAT-Flugzeugen nach Zypern, den Libanon, Südafrika, Russland und Griechenland weitergeleitet. Am 24.4.2000 wurde er beim Spaziergang mit seinem Hund erschossen.
Auch die Ermordung von Serbiens berüchtigtem Freischärlerboss Zeljko Raznatovic-Arkan und zunächst der Mafia zugeschrieben, wird mittlerweile dem Geheimdienst angelastet. Arkans Tiger-Einheiten waren für die grausamsten Morde, Vertreibungen und Plünderungen im Bosnienkrieg und im Kosovo verantwortlich. Schon Mitte 1999 soll sich der ehemalige Auftragskiller des serbischen Geheimdienstes dem Kriegstribunal in Den Haag als Kronzeuge gegen Milosevic angeboten haben. Ob dieses auf den deal einging, weiss niemand. Arkan wurde bereits am 15.Januar 2000 in der vollbesetzten Lobby des Belgrader Hotels Intercontinental erschossen.

An die Leine gelegt wurde der Geheimdienst selbst nach dem Sturz Milosevics am 5.10.2000 nicht. Die an die Macht gekommene Opposition machte einen fatalen Fehler: Sie beliess aus Angst vor einer Konterrevolution Geheimdienstchef Markovic weiter im Amt. Erst 2001 wurde er entlassen und 2003 wegen seiner Beteiligung am Attentat auf Vuk Draskovic und der Ermordung Stambolics zu 40 Jahren Haft verurteilt. So hatte der verlängerte Arm Milosevics auch im neuen demokratischen Serbien noch Monate Gelegenheit, Loyalität gegenüber seinem einstigen Chef zu zeigen.
Am 3.Dezember 2000 wurde der Richter Nebojsa Simeunovic aus der Donau gefischt, nahe des Promenadeufers des Belgrader Hotels Jugoslavija. Die Mörder hatten ihm offenbar Ammoniak durch die Ohren gepumpt und dann ertränkt.
Der Richter sei Alkoholiker gewesen, depressiv und habe Selbstmord verübt, lautete die offizielle Information.
Nur der Sand in den Lungen des Toten irritierte die Gerichtsmediziner, da dies einen erbitterten Todeskampf suggerierte.
Simeunovic hatte sich geweigert, im Auftrag des Milosevic-Regimes Haftbefehl gegen einige prominente Oppositionelle sowie den Streikausschuss der Bergleute von Kolubare auszustellen. Damit war er nicht nur zum Verräter sondern auch zum gefährlichen Zeugen geworden. Unzählige Mordermittlungen, über welche er später schweigen mußte, waren über seinen Schreibtisch gelaufen. Auch den mysteriösen Absturz des ukrainischen Frachtflugzeugs Iljusin im Juli 1996 musste der Richter unter den Tisch kehren. Dieses war nach dem Abflug vom Belgrader Flughafen verzweifelt eine Nacht über Belgrad gekreist, bevor es – ohne Hilfe zu erhalten – wegen Treibstoffmangels neben der Autobahn am Rande Belgrads abstürzte. Die Hintergründe wurden nie publik. Man sprach über Waffen und militärische Ersatzteile für libysche Kampfflugzeuge an Bord, über unbezahlte Rechnungen und eine durch den beabsichtigten Absturz ergangene Warnung an die ukrainischen Dealer.
Simeunovic war bereits inder Nacht vom 4./5. November 2000 verschwunden. Mindestens 20 Tage soll er bis zu seiner Ermordung lt. Informationen seiner Schwester Jelena in einem privaten Gefängnis festgehalten worden sein, bis seine Liquidierung beschlossen war.

Private Gefängnisse in verlassenen Häusern, Kellern oder Garagen waren bereits ab den 90-er Jahren nicht nur eine beliebte Methode des Konglomerats aus Mafia, Politik und Geheimdienst, um von reichen Geschäftsleuten Millionen zu erpressen, sondern auch um Inhaber lukrativer Betrieben zur Überschreibung ihres Besitzes zu zwingen.
Ein gekidnappter Belgrader Anwalt berichtete der Zeitschrift vreme, er sei jede Nacht in einem abgelegenen Waldgrundstück an einen Baum gebunden worden. Anschliessend habe man ihm sein Todesurteil durch Erschiessen vorgelesen und Salven überr seinen Kopf gefeuert. Am Ende zahlte er.
Der ehemalige serbische Geheimdienstmitarbeiter Bozidar Spasic schätzte die Zahl der damaligen Entführungen auf jährlich 800.
Nur wenige Wochen nach Simeunovic, am 23.November 2000, war der 8-jährige Sohn der serbischen Folklore-Ikone Lepa Brena und dem ehemaligen Tennis-As Slobodan Zivojinovic entführt worden.
Für 2,5 Millionen DM Lösegeld kehrte das Kind nach 5 Tagen zurück.
Medienspekulationen zufolge hatte das Prominenten-Ehepaar abgelehnt, dem Milosevic-Sohn Marko dessen verlustreichen Vergnügungspark „Bambiland“ abzukaufen.
Marko Milosevic war dank Wirtschaftsembargo und seinem Monopol auf den Zigarettenschmuggel in Ex-Jugoslawien bereits Mitte der 90-er Jahre zum mehrfachen Millionär aufgestiegen. Seine Mutter unterstützte ihn dabei tatkräftig. Zeugen im Prozess gegen Zolldirektor Mihajl Kertes bestätigten, dass dieser die regulären Zollequipen ad hock abziehen musste, sobald Mirjana Markovic meldete, an welchem Grenzübergang die Lkw ihres Sohnes einträfen. Sondereinsatz-Kommandos winkten dann die mit Zigaretten vollbeladenen Schlepper unbesehen durch die Kontrollen. Mit Polizeischutz wurden dann die Zigaretten an serbische Verteilerzentren oder nach Montenegro weitergeleitet, wo Schnellbooten sie nach Italien transportieren.
Gelegentliche Versuche, Marko die Kontrolle über den Markt streitig zu machen, endeten für die Betroffenen nicht selten mit einem Nachruf.
Am 20.Februar 1997 wurde Marko Milosevics Freund, der Rennstallbesitzer Vladan Kovacevic-Tref vor dem Belgrader Kongresszentrum erschossen. Er hatte sich Insidern zufolge mit dem Präsidentensohn um die Quoten auf dem Zigaretten-Schwarzmarkt gestritten.

Am 10.April 1997 machte Serbiens Vize-Innenminister Radovan Stojcic Baca denselben Fehler. Er hatte auf seine Favoritenrolle im Hause Milosevic vertraut, wo er als Günstling von Mira Markovic und Markos Ausbilder auf dem Schiessplatz häufiger Gast war. Seine Mörder warteten auf ihn in der Belgrader Pizzeria Mama Mia. Bei seiner Beerdigung stand auch Slobodan Milosevic inmitten der Trauergemeinde, mit Tränen in den Augen.
Am 7.10.2000 wurde einer der reichsten Serben, Vanja Bokan, in seiner Luxusvilla am Rande Athens erschossen. Er hatte nach dem Sturz von Slobodan Milosevic eine Chance gesehen, das Monopol auf den Zigarettenschmuggel an sich zu reissen.

Wenn die Mafia reanimiert…

Für Serbiens Geheimdienste zählte Mord zum Alltag.
Doch es ist zu vermuten, dass hier nur die Spitze eines Eisbergs abgetragen wird, unter welchem sich noch erschreckendere Zahlen und Schicksale verbergen, die vermutlich nie aufgeklärt werden können.
Gerieten Zeitgenossen ohne VIP-Faktor in den Fokus der Geheimdienste, dann bedurfte es keiner Legitimation durch hohe Amtsträger, um sich ihrer zu entledigen. Bei fingierten Verkehrsunfällen nach dem Krieg sollen Hunderte von Personen entsorgt worden sein, deren Wissen als gefährlich eingeschätzt wurde und die begannen, leichtfertig darüber zu reden. Dabei folgte dem Fahrzeug, das bewusst den Zusammenstoss provozierte, häufig bereits der Sanitätswagen auf den Fuss. Dem nur leicht Verletzten wurde erst dann die tödliche Injektion verabreicht.
Absurd? Nein. Die ehemalige serbische Justizministerin Snezana Malovic bestätigte schon vor 3 Jahren die Suche nach dem Arzt Miroslav Risovic, der sich nach dem Attentat auf Djindjic nach Kanada abgesetzt hatte. Risovic arbeitete als Anästhesist im Belgrader Klinikzentrum und soll Zeugenaussagen zufolge als Mitglied der Mafia und des Geheimdienstes jahrelang die Aufgabe gehabt haben, Überlebende von Mordanschlägen im Krankenhaus zu töten.
Am Tag der Ermordung Djindjics (12.3.2003) habe er in ständigem Kontakt mit dem Drahtzieher des Attentats Milorad Ulemek-Legija, dem jetzigen Kronzeugen bei der Curuvija-Anklage und ehemaligen Kommandanten der Spezialeinheit der Polizei, gestanden. Djindjics Nachfolger Zoran Zivkovic bestätigte, dass der serbische Dr.Mengele auch bei der erfolglosen Reanimierung des Premiers anwesend gewesen sei.

Doch nicht nur in Serbien und dem damals mit Serbien noch verbundenen Montenegro wurde fieberhaft nach Gefahren für das Regime gesucht.
Schon Mitte der 90-er Jahre, während des Bosnienkriegs, gab es kaum Zweifel, dass Milosevics Geheimdienst auch grenzüberschreitend der dortigen serbisch-bosnischen Führung Amtshilfe leistete.
Nur Naive mochten anfangs noch glauben, dass der serbische TV-Redakteur Risto Djogo am 10.9.1994 nach einem humanitären Konzert mit anschliessendem Empfang in der Zvorniker Sporthalle betrunken von einem Felsen in den Fluss Drina stürzte. Man hege grosse Zweifel, schrieb die Zeitschrift vreme danach, ..ob sein Tod nicht auch dem Wunsch einiger Gegner entsprach.
Zwar galt der einflussreiche TV-Journalist als serbischer Nationalist, liess gleichzeitig aber auch keine Gelegenheit aus, sich über Milosevic lustig zu machen. Seine populären Witze über den Herrscher aus Belgrad stiessen dort nicht auf Wohlwollen. Einen davon erzählte er Zeugen zufolge noch kurz vor seinem Felsensturz den offensichtlich peinlich berührten Gästen: Milosevic, seine Ehefrau Mira, Tochter Maria und Sohn Marko sässen im Flugzeug. Erst werfe Ehefrau Mira einen 100-DM-Schein aus dem Fenster, um einen Menschen glücklich zu machen. Maria werfe danach zwei 50 DM-Scheine aus dem Flugzeug, um zwei Menschen glücklich zu machen. Marko frage schliesslich den Pilot um Rat, wieviel er abwerfen solle, um möglichst viele Menschen glücklich zu machen. Werfe den Vater runter, habe die Antwort gelautet, …dann wirst du alle Serben glücklich machen.
Auch zahlreiche weitere Liquidierungen in Bosnien trugen eindeutig die Handschrift der Belgrader Schaltzentrale.

Doch kehren wir zurück in die Gegenwart.
Statt die Hintergründe der Mordserien aufzuklären, beschuldigten sich vergangene Woche Radomir Markovic und Milorad Ulema-Legija überraschend gegenseitig eines Massakkers im Kosovo und lösen damit Entsetzen in der Bevölkerung aus. 15 Jahre nach Ende des Kosovokriegs erfährt diese, sozusagen als Nebenprodukt einer Attentatsermittlung, dass Milosevic aus Propagandagründen die eigenen Landsleute im Kosovo ermorden liess.
6 serbische Jugendliche waren am 14.12.1998 bei einem Cafebesuch im westkosovarischen Pec erschossen worden. Für die Belgrader Medien waren die Schuldigen schnell gefunden: die kosovo-albanische Befreiungsarmee UCK. Milosevic wollte sie durch diese Greueltag in den Augen der internationalen Gemeinschaft als terroristische Organisation diskreditieren. Gleichzeitig startete er mit Hinweis auf den Anschlag eine Grossoffensive von Polizei und Armee gegen die Kosovo-Albaner. Legija negiert die ihm angelastete Tat keineswegs, behauptet jedoch den Auftrag von Markovic erhalten zu haben.
Schon in den vergangenen Monaten war bekannt geworden, dass ein angeblicher Nato-Angriff auf ein Gefängnis im Kosovo mit über 90 albanischen Toten in Wirklichkeit ein aus Belgrad organisiertes Massakker war. Serbische Kriminellen war eine Löschung ihrer Dossiers versprochen worden, wenn sie ein Blutbad unter den albanischen Gefangenen anrichten würden. Dieses sollte später der Nato angelastet werden. Auch hier soll der Geheimdienst federführend gewesen sein.

Vieles gilt es aufzuarbeiten in der serbischen Politik, die bislang – auch ohne Milosevic – überzeugt war, dass Serbien während des jugoslawischen Zerfalls Opfer und nicht Täter war.
Für Aleksandar Vucic wäre ein Prozess gegen Dutzende von Handlangern oder Todesschützen nur ein oberflächlicher Erfolg, der von dem beklemmenden Gefühl überschattet würde, dass die tatsächlichen Hintermänner ihrer gerechten Strafe wie schon im Fall des ermordeten Zoran Djindjic einmal mehr entkommen. So kann man ihm nur wünschen, dass ihm das Desaster seiner Vorgänger erspart bleibt. Schon 2006 standen die Ermittlungen über das Attentat auf den Verleger Curuvija kurz vor dem Abschluss. Dann wurden alle weiteren Nachforschungen plötzlich eingestellt, die Akten verstaubten in den Schubladen der Behörden. Und Russland erteilte Mirjana Markovic politisches Asyl mit dem Hinweis, eine Auslieferung käme nicht infrage.

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Aufgelesen

INNOVATION AUF SERBISCH….

Zig-tausende von metallenen Verkehrsschildern werden lt. Zeitung „danas“ jährlich in Serbien
gestohlen. Und das znicht nur, um sie als Metallabfall weiterzuverkaufen. Im Sommer ist der Grund
eher serbischer Pragmatismus: Die Hausfrauen rösten darauf säckeweise Paprika – schließlich
ist es Tradition in Serbien, für die Wintervorräte dutzende Gläser Ajvar in den Vorratsregalen
zu stapeln. Rezept ist hinreichend bekannt: Paprika rösten bis die Haut schwarz wird, dann
abziehen, klein schneiden oder durch den Fleischwolf pressen, und schließlich einkochen bis
das Mus dicklich wird.
Erwischt werden die Schilder-Kleptomanen selten, die Strafe ist auch nicht gerade abschreckend:
120 – 280 Euro in etwa.
Kluge Köpfe hatten sich vor einigen Jahren einen Ausweg einfallen lassen.
Jedenfalls dachten sie das. Sie fertigten die Verkehrsschilder aus Hartplastik an.
Ergebnis: Jetzt wurden sie vorwiegend in den Wintermonaten geklaut – zum Schnee-Schippen als
Ersatz für die teuren Schneeschaufeln.
Der Hinweis, daß die fehlenden Verkehrsschilder nicht selten Anlaß für Verkehrsunfälle waren,
hat bisher wenig beeindruckt. Niemand meldet seinen Nachbarn, wenn der auf einem Stoppschild
Paprika röstet – vermutlich hat man in der eigenen Garage bereits einen Wildwechsel für die
Wintermonate reserviert.

AUSLÄNDER REIN – STATT RAUS

Nein, Dominique Strauss-Kahn soll beileibe nicht der einzige Gastarbeiter in Serbien werden.
Die Ausschreibung für Beraterfunktionen – möglicherweise sogar Ministerposten – in Serbien läuft auf
vollen Touren. Zweck: Serbiens Image im Ausland zu schönen, den EU-Beitritt mit renommierten
Experten voranzutreiben und sich als Wunderheiler für die fatale Wirtschaftssituation zu engagieren.
Daß man für solche VIP-Frontmänner Millionen Dollar auf den Tisch legen muß, ficht vorerst niemand an.
Schließlich erwartet man Gegenleistungen – von Strauss-Kahn zum Beispiel, daß er Serbien ein neues
Arrangement mit dem Internationalen Währungsfond beschert. Und als Mitglied im Aufsichtsrat einer
Rosneft-Tochter (Rosneft: größter Ökonzern der Welt) könnte er auch bei der Ölversorgung ein gutes
Wort einlegen. Wichtig, so schreibt eine Belgrader Zeitung, sei natürlich
eine einwandfreie persönliche Vergangenheit.
Naja, wenn das so ist…
Weiter im Gespräch sind lt. B92 Stephen Byers, ehemaliger Minister in der Regierung Tony Blair sowie Peter Lilley,
Minister unter Thatcher und Major, – heute Vizepräsident bei Tethys Petroleum.
Viele hätten sich gemeldet, zitiert B 92 eine Regierungsbeamtin, – auch Auslandsserben, die
an amerikanischen Universitäten studierten und mittlerweile hohe Positionen in westlichen Staaten innehätten.
Nun denn, ich wage eine Zeitreise in die Zukunft: In spätestens einem Jahr, wenn Wirtschaftswunder
und der Reichtum ausbleiben, wird man die so großzügig investierten Millionen tiefst bedauern und
in einer wütenden Kampagne feststellen, daß die „Fremden“ ohne Gegenleistung nur abgeholzt hätten-.
So geschehen auch in Bosnien, wo die internationalen Helfer, Organisationen oder Firmen
ziemlich schnell beschimpft wurden, nur ihren eigenen Profit im Auge gehabt zu haben.
Nimmt mans genau, ist es auch nichts Neues, daß Ausländer (wenn auch meist verborgen vor der Öffentlichkeit)
als Nachhilfe-Lehrer für serbische Regierungsbeamte eingeschleust wurden.
Der serbische Ex-Verteidigungsminister Davinic gestand, daß er als Verteidigungsminister nach Milosevics Sturz
unter der Regierung Djindjic 18 ausländische „Berater“ im Verteidigungsministerium
vorfand – überwiegend Amerikaner.
Auch Milosevic waren solche Gedanken der Imagepflege nicht fremd gewesen. Aber er fiel auf die Nase.
Hatte er doch im Sommer 1992 den amerikanischen Millionär
Milan Panic – ein gebürtiger Serbe, der das Land 1956 verlassen hatte – als Premier Restjugoslawiens
nach Belgrad importieren lassen. Doch statt damit das Wohlwollen Washingtons für seine politischen Pläne
zu sichern, sah sich Milosevic einem Polit-Clown ausgeliefert, der sich auch nicht scheute, Milosevic
auf einer Friedenskonferenz in London im Beisein der politischen Weltelite anzuschnauzen, ..“er solle gefälligst
den Mund halten“ und ihm darüberhinaus verkündete, ihn als Präsident zu feuern. Unvergessen, zumindest für
mich, als sich Panic in seiner Unberechenbarkeit plötzlich selbst zu einem ad-hock-Besuch nach Bonn einlud
und unsere Regierung nicht einmal mehr Zeit hatte, eine gangway für die Fronttüre des Regierungsflugzeugs aufzutreiben.
Panic indes weigerte sich über 30 Minuten hartnäckig, als Premier durch die Hintertür des Fliegers auszusteigen.
Das Gastspiel des Gastarbeiters war nur von kurzer Dauer. Im Dezember trat er als Gegenkandidat zu
Milosevic bei den Wahlen an, nur wenige Wochen später wurde er durch ein von Milosevics politischen
Unterwürflingen organisiertes Mißtrauensvotum gestürzt.
Mit der Episode „Panic“ hatte sich dann Milosevics Experimentierfreude mit ausländischen Bonusträgern
erübrigt.

Nun, was die jetzige Regierung betrifft: Im vergangenen Jahr hatte der jetzige „starke Mann“ Serbiens,
Vizepremier Aleksandar Vucic, während des Wahlkampfs den ehemaligen New Yorker Bürgermeister Rudolph Giuliani eingeladen,
in Serbien eine Rede zu halten. Und der soll als Zugabe auch Vucic politisch unterstützt haben.
Natürlich nicht umsonst. Da hätte ich noch einen Vorschlag: Ein Vortrag von Peer Steinbrück.
Und wie wäre es mit Gaddafis Sohn As-Saadi als Fußballfunktionär (er soll jetzt in dieser Branche
arbeiten). Mir fiele da noch einiges ein. Nein, an Hoeness hatte ich nicht gedacht als Manager
für Roter Stern Belgrad.

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