Allgemein, Politik

Srebrenica und die Abgründe des Westens

Geheime Diplomatie

Und wieder trauert die Welt in diesen Tagen in Erinnerung an ein Massaker, das vor genau 22 Jahren im bosnischen Srebrenica stattfand. Ein kaum zu überblickendes  Meer  von Grabsteinen mit pfählernen Mahnmahlen dicht an dicht rückt erneut die Tragödie vom 10.Juli – 18. Juli 1995 ins Gedächtnis, als rund 7000 Muslime von der serbisch-bosnischen Armee unter ihrem Kommandanten Ratko Mladic bei der Flucht aus der damaligen Enklave Srebrenica grausam abgeschlachtet wurden.
Doch nicht jeder der zahlreichen Ehrengäste, die sich in diesen Tagen vor den Opfern verneigen, wird die Dämonen der Vergangenheit – nämlich die Mitschuld der Internationalen Gemeinschaft an diesem Verbrechen – gänzlich aus seinem Gewissen löschen können. Denn Srebrenica bleibt neben dem größten Völkermord seit dem 2. Weltkrieg auch ein Mysterium, ein Abgrund an internationaler Ignoranz, Feigheit und perfider Diplomatie, die um der eigenen Interessen willen buchtäblich „über Leichen ging.“

Fakten, Dementis und Widersprüche

Hunderte von Medienberichten, Memoiren und Bücher haben seither versucht, die damaligen Ereignisse nachträglich aufzuarbeiten.
Mit zweifelhaftem Erfolg. Nicht selten wird der Leser am Ende verwirrter sein als zuvor. Schuldzuweisungen über die nicht erfolgte Nato-Luftunterstützung oder die Frage, ob westliche Geheimdienste die Massaker in Echtzeit verfolgen konnten werden wie ping-pong-Bälle zwischen den Verantwortlichen verschoben, nicht selten sind nationale Tendenzen – etwa bei Recherchen zugunsten der damals in Srebrenica stationierten holländischen Blauhelme (Unprofor)- nicht zu übersehen. Uneinigkeit besteht zudem  darüber, ob die in der Enklave eingeschlossen Muslime aufgrund fehlender militärischer Ausrüstung keine Gegenwehr leisteten, ob sie die  Flucht aus Angst ergriffen oder gar der Befehl zur widerstandslosen Aufgabe aus Sarajewo kam.  Auch die Frage, ob es erst der fehlende Widerstand der bosnischen Armee war, der den serbisch-bosnischen Generalstabschef Mladic ermutigte nicht nur die Außenbezirke sondern die gesamte Stadt einzunehmen oder der Angriff  bereits Monate vorab geplant war,spaltet die Experten.  Auch 22 Jahre nach dem Fall Srebrenicas bleiben so viele Fragen ohne Antworten.

Der deal ist perfekt

Ungeachtet mancher Widersprüche bei der  Einschätzung der Geschehnisse im Juli 1995 – in einem Punkt scheint sich wohl die Mehrzahl der mit den Hintergründen dieser Tragödie befaßten Autoren einig zu sein: Dem Angriff der serbisch-bosnischen Armee auf Srebrenica und den folgenden Massakern ging ein diplomatischer deal mit Belgrad und dessem damals uneingeschränkt herrschendem Präsidenten Slobodan Milosevic voraus (+2006 während seines Prozesses vor dem Haager Kriegstribunal). Den Großmächten war der blutige Krieg in Bosnien zwischen der muslimisch-kroatischen Armee und der bis dahin übermächtigen serbischen Armee längst entglitten. Sie verfolgten nur noch ein Ziel: eine Friedensvereinbarung um jeden Preis und dies vor Wintereinbruch. Fast das ganze Frühjahr 1995 hatten internationale Vermittler, u.a.  der US-Vertreter in der 5-köpfigen Kontaktgruppe Robert Frasure, mit Milosevic über dessen Anerkennung Bosniens und ein Friedensabkommen für Bosnien verhandelt. Die tatsächlichen serbischen Gesprächspartner in Bosnien – der Präsident der „Republik Srpska“, Radovan Karadzic und sein Militärchef Ratko Mladic- wurden vom Westen weitgehendst ignoriert. Sie hatten sich durch ihre brutalen ethischen Säuberungen und die 3 ½ -jährige Bombardierung Sarajewos längst als legitime Verhandlungspartner disqualifiziert.   Der starke Mann und die letzte Hoffnung eines kriegsmüden Westens war aller Ironie zum Trotz der Initiator aller Kriege auf dem Balkan, Slobodan Milosevic.
Und der hielt sich an sein Prinzip: „Man muß immer den richtigen Augenblick wählen  um seine Ziele zu erreichen. Der erste Schuß muß  geradewegs in die Stirn gehen.“  (während einer Diskussion  mit der serbischen Führung in Pale, aufgezeichnet im Buch von  Nikola Koljevic:Stvaranja republike Srpske)

 

Schuß in die Stirn

Der richtige Augenblick für den „Kopfschuß“  war aus Sicht Milosevics jetzt gekommen: Gegenleistung für ein von ihm garantiertes Friedensabkommen sollten die 3 unter UN-Schutz stehenden Enklaven  Srebrenica, Zepa und Gorazde sein.  Diese waren  in dem seit Sommer 1994 vorliegenden Plan über eine künftige territoriale Aufteilung Bosniens den bosnischen Muslimen zugeschlagen worden –  was  die Kompaktheit der serbischen Entität empfindlich beeinträchtigt hätte. Milosevic ließ keinen Zweifel daran, daß er den bisherigen Widerstand der bosnischen Serben gegen einen militärischen Rückzug auf 49 % des Territoriums (zu diesem Zeitpunkt hielten die Serben 70 % ) brechen könne.
Ein Angebot das , wenn auch  unmoralisch,  Washington – und in dessen Schlepptau vermutlich auch Paris und London – kaum ablehnen konnten und wollten. Der deal war besiegelt, die Enklaven zum Sturm freigegeben. In einer mittlerweile dechiffrierten Depesche der CNN wird die doppelte Moral des Westens  deutlich. 3 Tage nachdem General Mladic Srebrenica eingenommen hatte resümmierte der CIA, …“daß man sich der Analyse einiger amerikanischer Politiker anschließe, die Entfernung der Enklaven, die ein fortgesetztes Hindernis gewesen seien, würde die Verhandlungschancen für einen Frieden wesentlich erhöhen.“
Auch andere internationale Politiker wie etwa der schwedische Vermittler Carl Bildt machten in den Folgejahren kaum noch einen Hehl aus dem Pakt mit Milosevic. Bildt: Alle wußten daß ein Friedensabkommen den Verlust der Enklaven bedeuteten würde.
Eine Untersuchungskomission des französischen Parlaments kam zum selben Schluß: Hinter der UN hätten Großmächte gestanden, die 1995 die Verhandlungen über eine küftige ethnische Aufteilung Bosniens vereinfachen wollten.
Srebrenica wurde geopfert. Doch man machte einen fatalen Fehler, schreibt Florence Hartmann, die langjährige Sprecherin der ehemaligen Tribunal-Chefanklägerin Carla Del Ponte in ihrem Buch „Friede und Bestrafung“: Man hätte Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung ergreifen müssen – und tat es nicht. Das Resultat ist bekannt.

Blauäugige Strategie am grünen Tisch

Es ist indes kaum anzunehmen daß die Reißbrett-Strategen, die am Verhandlungstisch ganze Bataillons in die Schlacht schickten um ihre diplomatischen Ziele zu realisieren, die Frage der Evakuierung von rund 42 000 Einwohnern Srebrenicas nicht erörterten – etwa einen Korridor ins rund 70 km entfernte Tuzla, das von den bosnischen Truppen kontrolliert wurde. Mit der Ermordung von 7000 Männern auf diesem Fluchtweg hatte dabei sicher niemand gerechnet – auch wenn bosnische Politiker angesichts der immer deutlicheren Anzeichen eines serbischen Angriffs  eindringlich davor warnten.

Wie also kam es dazu, daß Tausende Männer und Jungen gezwungen wurden, auf Feldern niederzuknien um dann von Erschießungskommandos wie Schlachtvieh in stundenlangen Exekutionen ermordet zu werden ? Wer gab den Befehl, 1000 Männer in einer Fabrik in Kravica einzusperren, die Gefangenen darin anschließend mit Bomben und Gewehrsalven  zu töten?  Beim Haager Kriegstribunal ist man davon überzeugt, daß nur der serbische General Ratko Mladic, seinerzeit Militärchef der serbisch-bosnischen Armee, diese Befehle erteilten konnte –  ungeachtet der Horden von Freischärlern, die sich schon in der Planungsphase der Eroberung nahe Srebrenica versammelt hatten  – Abschaum der mordete und plünderte und sich seit Jahren als willkommener Handlanger bei ethnischen Säuberungen verdient machte.

 

Zwischen Napoleon und Waterloo

Wer den serbischen General Ratko Mladic kennt wird ihn als unberechenbar beschreiben, ein Mann der seit dem Selbstmord seiner Tochter 1994  zwischen Depressionen und cholerischen Anfällen schwankte. Ein Napoleon wollte er sein, der mit seiner Genialität die Serben in Bosnien zur „La Grande Nation“ erheben würde, befreit von den „Türken“, wie die Muslime verächtlich von der serbischen Bevölkerung genannt wurden. Doch gleichzeitig sah er auch  sein Waterloo nahen..

Wir werden den Krieg verlieren, tobte und wütete ein entfesselter Mladic am 15.April 1995, drei Monate vor dem Angriff auf Srebrenica, mit hochrotem Gesicht auf einer Sitzung der politischen Führung im bosnischen Sanski Most. Während seine Armee ohne Nahrung, Munition und Treibstoff sei, herrsche in Pale – dem Sitz der bosnischen Serbenführer – Profitgier, humanitäre Hilfen würden veruntreut und Unfähigkeit machten jeden Erfolg seiner Armee zunichte.

Die Korruption der serbischen Führung in Pale war kein Geheimnis.  Selbst im entlegensten Schützengraben wußte man längst, daß der vermeintliche Serben-Retter Radovan Karadzic in den Kasinos von Belgrad pro Nacht Millionen DM verspielte während der Sold eines Soldaten an der Front 8 DM monatlich betrug. Massenweise machten sich Deserteure jede Nacht auf den Weg, um mit Booten über die Drina den sicheren Hafen Belgrad zu erreichen. Mladics Versuche,  Tausende seiner Deserteure gewaltsam wieder mit Bussen nach Bosnien zurückzubringen, blieben erfolglos. Erst als auch serbische Polizisten die „Verräter“ jagten, konnten einige wieder in den Dienst des Vaterlandes gestellt werden.
Indes, nicht genug um 1600 km Grenzlinie zu kontrollieren, die die Serben mittlerweile in Bosnien erobert hatten.
Mladic – vergeblicher Bittsteller in Moskau

Neid und Panik muß Mladic gleichermaßen erfaßt haben wenn er die Entwicklung beim Kriegsgegner beobachtete. Die  bosnischen Armee hatte mittlerweile nicht nur weitaus mehr Kämpfer zur Verfügung, sie  erhielt auch – mit stillschweigendem Einverständnis der USA und unter Verletzung des  Waffenembargos – immer mehr Militärausrüstung aus dem Iran, Saudi-Arabien und der Türkei.
In  Washington wurde auf  Drängen Senator Robert Doles zugleich  darüber diskutiert, das Waffenembargo gegen die Muslime in Bosnien einseitig aufzuheben. Amerikanische Militärausbilder schulten seit langem die  bosnischen Militärs. Im Falle eines (mehrfach angedrohten) Rückzugs der Unprofor sollte die bosnische Armee zum gleichwertigen Gegner auf dem Schlachtfeld werden.

Solchen Entwicklungen konnte Mladics nur verzweifelt hinterherrennen. Belgrad leistete zwar nach wie vor militärische Hilfe  – doch Milosevic wollte sich die Chance einer Aufhebung des gegen Serbien verhängten Wirtschaftsembargos  nicht von „Verrückten“,wie er die serbische Führung jenseits der Drina mittlerweie bezeichnete, nehmen lassen. Mladic reiste heimlich als Bittsteller nach Moskau  – letztmals am 3.April 1995 – und forderte von dort militärische Hilfe. Vergeblich.  Jelzin dachte nicht daran, sich die guten Beziehungen zu Washington durch den international geächteten  „Schlächter“ zerstören zu lassen.

 

Erfolgreiches Prinzip „Geiselnahme“

Als die UN mit der Resolution 998 vom 15.6.1995, also einen Monat vor der Einnahme Srebrenicas, auch noch eine 12 500 Mann starke „schnelle Eingreiftruppe“ genehmigte, die ausgerüstet mit Panzern, schwerer Artillerie und Kampfhubschraubern in Bosnien zum Einsatz kommen sollte und  auch befugt war, direkte Angriffe gegen die Serben zu führen, mußte Mladic um sein letztes Faustpfand bangen: Die bis dato erfolgreiche   Erpressung durch Geiselnahmen.

Eine bewährte Methode, mit welcher er bisher dem Westen  die Daumenschrauben ansetzen konnte und der ihm, so wird vermutet, später auch den ungehinderten Einmarsch in Srebrenica ermöglichte.

Als am 25.5.1995 Natoflugzeuge – wenn auch halbherzig – zwei (leere) Munitionslager bei Pale bombardiert hatten, zögerte Mladic keinen Augenblick.  Schon am nächsten Tag sah die Welt auf ihren TV-Bildschirmen 370 UN-Soldaten, angebunden an Brückenpfeilern und als Geiseln schutzlos der Willkür eines vor Wut schäumenden Mladics ausgeliefert, der mit Erschießung drohte falls die Nato ihre Bombardierung fortsetze.
Das Kalkül ging auf. Der Westen kroch zu Kreuze. Am 28. Mai wurden die Nato-Angriffe bis auf „absehbare Zeit“ gestoppt.

Geheimabsprache zwischen Mladic und Frankreich?

Mit „einer persönlichen Botschaft“ des französischen Präsidenten Jacques Chirac reisten französische Generale, unter ihnen der UN-Kommandant Bosniens Bertrand Janvier eilends  nach Zvornik, um in Geheimgesprächen mit Mladic über die Freilassung der Geiseln – die meisten davon Franzosen – zu verhandeln. Der formulierte seine Bedingungen klar: Die Geiseln im Austausch zum künftigen Verzicht der Nato, Luftangriffe auf die bosnischen Serben zu fliegen.
Die Geiseln wurden freigelassen, die Offiziellen der UN und die französischen Offiziellen negieren bis heute einen deal.
Doch kaum einer der internationalen Beobachter oder Militärexperten zweifelt an dieser Form des Lösegelds. Selbst der bekannte US-Vermittler Richard Holbrooke spricht in seinem Buch „Der Weg nach Dayton“ von wichtigen, wenn auch indikativen Beweisen,  daß es nach der Befreiung der Geiseln zu einer Geheimabsprache zwischen den lokalen Kommandanten der UN und den bosnischen Serben kam bei welchem der künftige Verzicht auf Luftangriffe der Nato zugesagt wurde. Überzeugt von solch eine Zugeständnis gaben sich auch Milosevic und die Führung in Pale.

Das Verhalten der UN-Offiziellen, unter ihnen UN-Kommandant Bertrand Janvier, bei der Attacke auf Srebrenica und den bereits absehbaren Exekutionen bestätigt diesen Verdacht eher als daß er ihn ausräumt. Man zögerte tagelang bei der Anforderung von Nato-Luftangriffen, beschönigte die tatsächliche Situation in der Enklave und beschuldigte sich am Ende gegenseitig des Fehlverhaltens und der „Fehleinschätzung“.  Ohne Zustimmung der UN waren der Nato, deren Kampfhubschrauber teils stundenlang über der Adria kreisten und auf ihren Einsatz warteten,  die Hände gebunden. Der Grund ist ein „doppelter Schlüssel“, der bei Nato-Unterstützung sowohl der Zustimmung der Nato als auch der Vereinten Nationen bedarf.

 

 

Fürchtete Mladic die erneute Rekrutierung muslimischer Flüchtlige?

Und dennoch bleibt die Frage offen: Eine leere Enklave, aus der  nicht nur die Einwohner flüchteten sondern auch die zu ihrem Schutz beorderten holländischen UN-Soldaten um ihren freien Abzug flehten- was treibt einen siegreichen Feldherrn dann noch zum Völkermord?

War es jenes langgezogene Zelt, das nach Eintreffen der ersten Flüchtlinge aus Srebrenica am Eingang des Flughafens von Tuzla aufgebaut war und aus dessen Lautsprechern unermüdlich die  Stimme eines dort sitzenden bosnischen Militärs klang: alle Männer, die eintreffen, hätten sich zuerst beim Kommando zu melden um ihren nächsten Einsatzbefehl abzuholen. Erst dann könnten sie sich kurz bei ihren Familien melden. Gespräche mit Ausländern auf dem Flugfeld seien nicht erlaubt.

Währenddessen kauerten in  unzähligen kleinen Zelten auf dem Rollfeld Tausende evakuierter Frauen und Kinder aus Srebrenica, die  angstvoll auf ihre Männer, Väter und Söhne warteten – bereits wissend, daß ein Großteil in serbischen Hinterhalt geriet?

Sollte Mladic die Tötung von 7000 Männern und Jungen nicht bereits Monate vorab geplant haben, so wäre spätestens dies  der Zeitpunkt gewesen, ihn in unkontrollierte Panik zu versetzen. Gerettete Muslime als erneute Frontkämpfer gegen seine ohnehin geschwächte Armee zu sehen waren für ihn zweifellos unvorstellbar.

 

Unsäglicher Haß zwischen Muslimen und Serben

Oder war es Rache? fragte der Staatsanwalt des Haager Kriegstribunals den ehemaligen französischen  UN-Kommandanten und 5-Sterne-General Philippe Morrillon am 12.2.2004 im Zeugenstand. Morillon war  zwischen 1993 und 1994 in Srebrenica stationiert und hatte nur eine Antwort: Ja – ja – und nochmal ja. Nirgendwo in Bosnien habe er solch tiefen Haß zwischen Serben und Muslimen gesehen wie in dieser Region. Was 1995 passierte sei sei eine direkte Reaktion auf die grausamen Verbrechen, die der für Srebrenica zuständige militärische Führer der bosnischen Armee, Naser Oric, an der serbischen Bevölkerung in den umliegenden Dörfern verübt hätte. Oric sei ein „warlord“ gewesen, der mit Terror regierte – sowohl über seine Region als auch über die muslimanische Bevölkerung. Und er habe in einem Gespräch mit ihm, sagt Morillon, nicht einmal eine Entschuldigung für die Morde gesucht. Sein Standpunkt sei gewesen, ..“man könne sich nicht mit Gefangenen belasten.“  Schon damals habe er mit dem Schlimmsten gerechnet,  falls die Serben jemals in die Enklave eindringen würden.

Daß die muslimanische Armee aus der Schutzzone Srebrenica heraus Massaker an den Serben verübte, wird von Sarajewo nur ungern bestätigt und gerne auch mit dem Vorwurf gekontert, die Anschuldigungen seien „pro-serbisch“ gefärbt. Tatsache ist, daß allein am orthodoxen Weihnachtsfest 1993 49 serbische Einwohner des Dorfes Kravica von der bosnischen Armee und ihrem Militärführer Oric getötet und 86 schwer verletzt wurden.

 
Die Mafia von Srebrenica

Doch auch innerhalb der Enklave herrschte laut Pulitzer-Preisträger David Rohde erbitterter Streit zwischen den dortigen Muslimen. Schießereien zwischen muslimischen Fraktionen waren an der Tagesordnung.  In seinem Buch „Endgame – The betrayal and fall of Srebrenica“ beschreibt Rohde, wie die politische Führung der Stadt  nicht minder in Korruption verwickelt war wie die Serbenführer aus Pale. Humanitäre Hilfen wurden gehortet und zu Schwarzmarktpreisen an die hungernde Bevölkerung verkauft, Hundertausende von Dollar die aus Sarajewo oder der Emigration eingeschleußt wurden um an die Hinterbliebenen getöteter Kämpfer verteilt zu werden landeten in den Taschen der herrschenden Mafia. Vor Attentaten auf politische Opponenten wurde nicht gezögert.

 

Feind „Unprofor“

Dazu kam der Haß gegen die eigenen Beschützer. Grenzenloses Mißtrauen gegenüber den holländischen UN-Truppen führte lt. Rohde zur absurden Situation daß man während der serbischen Attacke auf die Stadt sogar erwägte, holländische Geiseln zu nehmen oder einige UN-Soldaten zu erschießen. „Fuck you“ war in diesen Tagen das meistgehörte Wort das die Blauhelme aus den Niederlanden von den   Muslimen hörten.

Die Antipathie beruhte auf Gegenseitigkeit. Der französische Kommandant Bertrand Janvier hatte der bosnischen Armee mehrmals vorgeworfen,  sie schieße mit Scharfschützen auf UN-Soldaten um dies anschließend den Serben anzulasten.

Verschärft wurde die Situation in diesen dramatischen Tagen  durch die Erschießung eines holländischen Soldaten am 6.Juli durch bosnische Kämpfer.
Was dagegen am 11.Juli geschah bleibt weiter ungeklärt.
Als Muslime einen holländischen Panzer nahe dem Dorf Jaglici blockierten, soll der Kommandant des Panzers die Fahrt fortgesetzt und dabei mehr als 20 Muslime getötet haben. Ein holländischer Soldat  filmte das Geschehen – doch der Film wurde später im holländischen Verteidigungsministerium „versehentlich“ vernichtet.

Rohde beschreibt, wie am 10. Juli – also einen Tag vor der endgültigen Eroberung der Enklave – General Janvier die Bosnier beschuldigte, sie versuchten bewußt die UN in Kämpfe zu verwickeln.
Ich erinnere jeden, wird Janvier zitiert, daß die Truppen der bosnischen Armee stark genug sind, sich selbst zu verteidigen.

 

Verrottete Raketen oder modernste Abwehrwaffen?

Waren sie dies tatsächlich?  Daß Srebrenica nicht „demilitarisiert“ war, wie dies die UN-Resolution vorsah, will heute kaum noch jemand bestreiten. Tatsache ist auch, daß sich die Mehrheit der dort befindlichen rund 4000 Soldaten mit  weiteren 6000 – 10 000 männlichen Einwohnern der Stadt schon einen Tag vor der Einnahme der Stadt, also am 10.Juli, in den Wäldern versammelte. Die Kolonne wollte sich ins muslimisch-bosnisch kontrollierte Tuzla durchschlagen -ohne auch nur einen Schuß auf die anrollenden serbischen Panzer abzugeben. Der Rechtfertigung, die vorhandene Militärausrüstung sei marode und unbrauchbar gewesen stehen präzise Angaben konstanter Waffenlieferungen an die Schutzzone gegenüber. Selbst Bosniens Präsident Alija Izetbegovic sagte am 5.8.1995: „Unsere Armee versuchte, Srebrenica ausreichend Waffen zukommen zu lassen. Wir haben 17 Hubschrauber mit Waffen in die Stadt geschickt und unsere Armee-Experten waren sicher, man könne damit Srebrenica 30 Tage verteidigen. Warum, fragte Izetbegovic,  wurde in Srebrenica nicht ein einziger Panzer getroffen?“
Bosniens Generalstabschef Rasim Delic führte das militärische Desaster auf die innere Destruktion der Lokalpolitiker in der Stadt zurück, welche selbstherrlich und  parallel regiert und die Anordnungen aus Sarajewo mißachtet hätten. Man habe Srebrenica in den letzten Monaten mehr Waffen zukommen lassen als der Generalstab 1993 für ganz Bosnien wollte, sagte Delic: Antipanzerwaffen für größere Entfernungen, Laserwaffen, ausreichend Raketen und genügend Munition.

 

Washingtons geheime „Schwarz-Flüge“

Und es war nicht allein Sarajewo, das die Enklave aufrüstete. Cees Wiebes, holländischer Geheimdienstexperte, zitiert in seinem Buch „Intelligence and the war in Bosnia“ Dutzende von Quellen, die konstante nächtliche „Schwarz-Flüge“ mit Waffenlieferungen für die Enklaven bestätigten. Die UN kontrollierte zwar in Tuzla die längste Landebahn. Doch drei weitere Landebahnen waren relativ weit von dieser entfernt und uneinsehbar für die dort stationierten Blauhelme.
Ein Auszug aus Cees Wiebes Buch:
Am 10.2.1995 um 17.45 stand der norwegische Pilot Ivan Moldestad vor seiner Unterkunft etwas außerhalb von Tuzla. Es war dunkel, als er plötzlich die Propeller eines vorbeifliegenden Transportflugzeuges hörte. Es war eindeutig eine 4-motorige Hercules C-130, die von 2 Kampfjets begleitet wurde. Auch andere Augenzeugen bemerkten das Flugzeug und berichteten dies dem Nato-Flugzentrum in Vicenza sowie der UN-Flugkontrolle in Naples. Als Moldestad in Vicenza anrief wurde ihm gesagt, es haben keine Flugverkehr in dieser Nacht gegeben, er müsse sich geirrt haben. Als er insistierte wurde die Verbindung unterbrochen.

Ein britischer General, der direkten Zugriff auf die Geheimdienstprotokolle einer britischen Spezialeinheit hatte, war sich der amerikanischen Herkunft dieser Waffen sicher.
Für die Lieferungen von Waffen und Militärausrüstung via den Flughafen Tuzla besitze die UN Beweise, bestätigte auch der amerikanische Militärexperte Richard Butler vor dem Kriegstribunal in Den Haag.

Der Kommandant der Schutzzone Zepa, von welcher aus die Waffen nach Srebrenica weiter transferiert wurden,  berichtete Mitte April 1995 er habe nach Srebrenica 50 000 Schuß Munition, 110 Minen, 90 Maschinengewehre und Uniformen weitergeleitet.  In Zepa seien zusätzlich 4 TF8 Raketen eingetroffen sowie 1 Raketenwerfer.

Daß solche Angaben offiziell dementiert werden, ist kaum überraschend.

 

Izetbegovic, ein frustrierter Landesführer zwischen 2 Fronten

Kaum überrascht über den serbischen Angriff auf Srebrenica hatte sich indes auch Bosniens Präsident Alija Izetbegovic gezeigt. Als am 11.7. die Meldung von der Eroberung der Enklave eintraf, unterbrach dieser nicht einmal die Sitzung des Hauptausschusses seiner SDA-Partei in Zenica, an der er ebenfalls teilnahm.  Ganze 5 Minuten wurden dem Verlust der Stadt gewidmet.
Tatsächlich hätte der bosnische Führer  blind und taub sein müssen, um aus dem jahrelangen Drängen zahlreicher internationaler Vermittler zu einem Austausch Srebrenicas gegen die von Serben besetzten Vororte Sarajewos nicht auch die damit verbundene Drohung zu hören. Der damalige bosnische Außenminister Muhamed Sacirbegovic erinnert sich an konkrete Warnungen, man werde im Falle einer Weigerung Sarajewos, die Enklaven auszutauschen, diese im Fall eines serbischen Angriffs nicht verteidigen. Premier Haris Silajdzic wurde beim Besuch in den USA am 8.6.1995 ebenfalls  eindringlich aufgefordert, die Enklaven aufzugeben. Diese seien ohnehin verloren. Einer Warnung, der sich Warren Christopher, Charles Redman, Richard Holbrooke – allesamt enge Berater von Präsident Clinton, anschlossen.
Lt. Aussagen des ehemaligen Kommandanten des bosnischen Armee, Sefer Halilovic hatte Izetbegovic seit 1993 den Führern in Srebrenica mehrmals den Tausch vorgeschlagen. Doch diese hätten abgelehnt.
Am 15. März 1995, also 2 Monate vor der Eroberung der Enklaven Srebrenica und  Zepa, schickte der in Bedrängnis geratene Izetbegovic sogar einen Unterhändler, den Akademiker Muhamed Filipovic, nach Belgrad um mit Milosevic über einen Territorientausch und eine eventuelle Umsiedlung der Bevölkerung zu verhandeln.
In seinem Buch „Schlaue Strategie“ vermutet Sefer Halilovic, daß es schließlich zu einer Vereinbarung zwischen Izetbegovic und  Milosevic gekommen sei. Sarajewo habe dabei zugesagt, einen Gebietsaustausch stillschweigend zu dulden, wenn dieser unter Vermittlung der USA und EU stattfände.

Der Abzug des Militärchefs  von Srebrenica,  Naser Oric,  samt 15 weiterer Militärkommandanten im April 1995 aus der Stadt und das von Izetbegovic verhängte Verbot ihrer  Rückkehr schien zunächst  für viele ein Indiz , daß der bosnische Präsident mit einem bevorstehenden Fall der Enklave rechnete.

 

3 Affensystem: nichts sehen, nichts hören, nichts sagen

Doch warum kam es nicht zu einem friedlichen  Gebietsaustausch, dem lt. Holbrooke auch die Serben in Pale zugestimmt hätten?
Hatte sich Izetbegovic, der für eine Meinungsänderungen berüchtigt und international gefürchtet war, doch für die spektakuläre Lösung entschlossen, die die Nato zur Verteidigung der Schutzzone zwingen würde und vielleicht sogar zur lang ersehnten Bombardierung aller bosnisch-serbischen Stellungen?  Man mag Izetbegovics Verzweiflung nachvollziehen, der zu Kriegsbeginn überzeugt war, der Westen werde sein Bemühen um die Einheit Bosniens notfalls mit Gewalt verteidigen und am Ende feststellen mußte, daß dies eine Fehlkalkulation war.

Doch wurde der Westen vom Zeitpunkt des Angriffs auf Srebrenica tatsächlich überrascht?
Unzählige abgehörte Gespräche der Geheimdienste und der Kriegsparteien untereinander  sollen bereits Wochen vor dem Angriff der Serben auf deren Absicht hingewiesen haben, die Enklave gewaltsam zu erobern.  Bosnien sei zu diesem Zeitpunkt das am meisten abgehörte Land der Welt mit Hunderten von Agenten gewesen, die nicht nur die Kriegsparteien sondern sich auch gegenseitig abhörten und ausspionierten, schreibt Geheimdienst-Experte Wiebes. Sie hätten sich in UN-Posten infiltriert, in humanitäre Organisationen, das Rote Kreuz und alles, was in Bosnien Zugang zu Informationen und Terrain  hatte. Vor allem die Amerikaner hätten dabei, ohne selbst Bodentruppen stationiert zu haben,  das gros der Agenten gestellt.
In Zagreb führte der CIA ein eigenes Büro, das er jedoch sorgsam vor den Kollegen anderer Staaten abschirmte. Jeder der Geheimdienste habe sein eigenes Süppchen gekocht, stellt Wiebes fest, die gesammelten Daten seien nur selten der UN zur Verfügung gestellt worden sondern fast ausschließlich den eigenen nationalen Sicherheitsbehörden.
Angeblich hatten die Späher auch direkten Zugang ins Umfeld von Mladic und Karadzic.
Trotzdem will kein einziges Land über die serbische Attacke vorab informiert gewesen sein.

Verspätete Auswertung von Filmmaterial, fehlende Dolmetscher.

Für die technisch hochentwickelten Abhöranlagen, Satelliten und Aufklärungsflieger  war selbst der militärischen Funkverkehr der Kriegsparteien keine Hürde. Bei den Prozessen vor dem Haager Kriegstribunal wurden Hunderte von Abhörprotokollen als Beweise vorgelegt.  Bis heute negiert jedoch jedes dieser Länder, die sich sonst der Erkennung einer Fliege auf dem Teller rühmen, Echtzeit-Informationen über die geplante serbische Offensive und vor allem die tagelangen Exekutionen gehabt zu haben.
Die Recherchen zahlreicher Journalisten halten diese Aussagen nicht für glaubwürdig. .
Als die Ermordung muslimanischer Männer in vollem Gange war, hätten zwei amerikanische Auflärungsflugzeuge U2 und Predator Hunderte von Luftaufnahmen gemacht, behauptet der französische Journalist Jacques Masse in seinem Buch „Unsere lieben Kriegsverbrecher“. Auf einer Fotografie vom 17.Juli sei auf einem Feld nahe einem Landwirtschaftsgelände in Branjevo aufgewühltes Erdreich zu sehen, in welchem Leichen in Eile von Baggern verscharrt worden waren – rechts davon sei der Boden immer noch von Toten überdeckt gewesen. Die Bilder wurden jedoch erst am 9. August dem UN-Sicherheitsrat von der damaligen Vertreterin Washingtons bei den Vereinten Nationen, Madeleine Albright, übergeben. Auch die durch ihre Position als Sprecherin der damaligen Chefanklägerin Carla del Ponte unmittelbar an der Dokumentenquelle sitzende Journalistin Florence Hartmann hegt keine Zweifel; Die westlichen Mächte hätten alle  Vorab-Kenntnisse über die serbische Offensive gehabt und die Massenmorde in Echtzeit verfolgt. Der deutsche Geheimdienst-Experte Udo Ulfkotte schreibt in seinem Buch „Verschlußsache BND“ der britische Außenminister Malcom Rifkind habe – nur wenige Minuten zeitversetzt – die Massaker von Srebrenica verfolgen können.
Ein Vorwurf, der verständlicherweise von Washington bis London  heftig bestritten wird. Die Begründungen dafür sind dennoch suspekt: Schlechte Qualität der Bilder, fehlende Dolmetscher beim Abhören der aufgezeichneten Gespräche, unter anderem zwischen den direkten Verantwortlichen bei der Planung des Angriffs.

Ignoranz und Desineresse

Holland sieht sich in diesem Vertuschungsmanöver der Großmächte als Bauernopfer. Sowohl die USA als auch  Großbritannien hätten schon Anfang Juni von dem Angriff der Serben  Kenntnis gehabt, behauptet der ehemalige niederländische  Verteidigungsminister Joris Voorhoeve ….diese Information jedoch nicht an die holländischen Blauhelme weitergeleitet.
Dies ist wenig glaubwürdig.
Schon am 8. Juni, einen Monat vor dem Fall der Enklave, hatte die bosnische Armee ein dringendes Treffen mit dem „Dutchbad“, den seit 1994 zum Schutz Srebrenicas stationierten rund 400 holländischen Soldaten gefordert. Dem holländischen Komandanten Karremans wurde dabei ein erwarteter Frontalangriff der Serben mitgeteilt.
Doch der zeigte sich wenig beeindruckt. Zudem erwartete er, daß  die bosnische Arme im Fall eines Angriffs Srebrenica selbst verteidige. Dazu, hatte Karremans im Juni den militärischen Führern der Stadt gesagt, sei sie seiner Meinung nach stark genug.

Unterhosen und  konfiszierte UN-Fahrzeuge

Doch ob mit oder ohne Vorinformation: Die Peinlichkeit der hasenfüßigen Oranje-Truppe war – auch unter Berücksichtigung des eigenen Schutzes –  kaum noch zu toppen. Zeugen berichteten, daß sich viele Blauhelme in Srebrenica bis auf die Unterhosen von den Serben entkleiden ließen, damit diese mit deren Uniformen später die Muslime als vermeintliche „UN-Soldaten“ in den Hinterhalt locken  konnten.
Weiße UN-Fahrzeuge wurden gekapert, Gewehre und Panzerwesten konfisziert und 30 holländische Soldaten von Mladic erneut als Geiseln in Bratunac, einer nahen unter serbischer Kontrolle stehenden Gemeinde, festgehalten.

 

Karremans – das Symbol eines mißverstandenen Mandats

An der Spitze der holländischen Schutzmacht stand der als  arrogant  und selbstherrlich geschilderte Kommandant Thomas Karremans, von dem  Serbengeneral Mladic kurz vor dem Angriff auf Srebrenica und zur Abwägung aller Störfaktoren ein Psychogramm anfertigen ließ. Mladic konnte mit dem Ergebnis zufrieden sein. Karremans wurde als feiger Bürokrat mit niedriger militärischer Moral charakterisiert.
Mit dem UN-Mandat, die Bevölkerung der Enklave zu schützen, konnte er sich offenbar nur schwer identifizieren. Seine  Ressentiments gegenüber den Muslimen waren nicht zu verbergen.
Selbst die Verteilung von Bonbons an die Kinder wurde seinen Soldaten strikt verboten.
Als das Krankenhaus in Srebrenica angesichts der zahlreichen Verwundeten während der serbischen Bombardierung  um medizinische Hilfe bat lehnte er dies mit dem Hinweis ab, man sei ausschließlich verpflichtet, den holländischen Soldaten Hilfe zur Verfügung zu stellen.
Unbarmherzig weigerte sich Karremans auch der Bitte seines langjährigen Dolmetschers Hasan Nuhanovic nachzukommen, dessen Vater und Bruder zu retten. Beide wurden später von holländischen Soldaten den Serben übergeben und später getötet.
2011 sprach ein Gericht in Den Haag Holland dafür schuldig.
Das Ego des Kommandanten der holländischen Truppen erwies sich als fataler Fehler. Informationsquellen aus der Bevölkerung lehnte er strikt ab. Als am 18.3.1995 zwei neue Männer des britischen Geheimdienstes in Srebrenica ankamen und Kontakt mit den Muslimen in der Enklave suchten, soll Karremans ihnen dies wütend verboten  und sogar gedroht haben, sie aus der Enklave zu vertreiben.

 

Der merkwürdige Versuch einer Bombardierung

Die verzweifelten Rufe des holländischen Kommandanten nach „Nato-Luftunterstützung“ setzten erst ein, als er tagelang die Situation fehleingeschätzt hatte und davon ausging, die Serben wollten nur die Umgebung Srebrenicas freikämpfen um einen Korridor zu den isolierten serbischen Gemeinden zu schaffen.
Das Eingreifen der Nato scheiterten aber auch an der Hinhaltetaktik der UN-Verantwortlichen in Zagreb. Erst am 11. Juli, als die Stadt bereits in den Händen der Serben war und General Mladic diese „seinem Volk als Geschenk überreichte“  warfen  2 holländische F 16 Kampfflieger Rauchbomben über Srebrenica ab. 2 Stunden später flogen 2 amerikanische F-16 über der Stadt –   mit der strikten Anweisung nur die Artillerie anzugreifen, die Feuer auf die Posten der UN eröffne. Letztere, so schreibt David Rohde in seinem Buch, hätten ihre Bomben mangels  Zielführung aber nicht abwerfen können – von den  beiden holländischen Flugkontrolleuren habe sich einer parallisiert vor Angst nicht mehr bewegen können, der zweite sei schreiend auf dem Boden gelegen und habe geschrien: ich will nicht sterben.
Erfolgreiche Erpressung
Mladic hatte zwischenzeitlich längst auf sein bewährtes Szenario zurückgegriffen. Die holländischen Geiseln mußten aus Bratunac ihre  Base anrufen und ihre bevorstehende Erschießung ankündigen, falls die Nato weiter bombardiere. Karremans wurde von Mladic wütend gefragt, ..“ob er seine Familie wiedersehen möchte“..Den  TV-Kameras in aller Welt präsentierte sich Mladic dagegen als humaner Sieger: Das Sektglas in der Hand stieß er mit Karremans an, den Kindern schenkte er Schokolade, den Einwohnern Srebrenicas versprach er eine sichere Evakuierung in ihr eigenes Territorium.

Um 16.30 Uhr wurden die Angriffe einstellt. Srebrenica sei gefallen, meldete der Spezialbeauftragte des UN-Generalsekretärs für das ehemalige Jugoslawien, Yashushi Akashi, nach New York.

Freie Fahrt in den Tod

Ein mental überforderter Karremans akzeptierte widerstandslos die Anordnung Mladics,  die rund 30 000 muslimischen Männer und Frauen, die in der UN-Base Potocari nahe Srebrenica Zuflucht gesucht hatten,am 12. Juli  ausschließlich  unter serbischer Aufsicht zu evakuieren. Selbst 30 000 Liter Diesel für den Transport stellten die erniedrigten und demoralisierten Holländer den Serben zur Verfügung.
Zeugen berichten, daß die holländischen Beschützer sogar dabei halfen, wehrpflichtige Männer von Frauen und Kindern zu trennen.
Dies, obwohl die meisten von ihnen längst beobachtet hatten, daß in dem „berüchtigten weißen Haus“ nahe der Base Dutzende von Männern ermordet worden und in einen nahen Fluß geworfen worden waren.
Die verängstigenden Blauhelme hatten nur eines im Sinn: So schnell wie möglich weg!

Als die Todestransporte mit den schreienden und um Hilfe rufenden Männern aus Potocari abfuhren, wußten diese vermutlich, daß dies ihre letzte Fahrt sein würde. Am 17. Juli war der Völkermord beendet.

 

Ein Nachspiel als Feigenblatt für die Geschichtsbücher

Was folgte war der Versuch der Großmächte, die eigene Schuld am Tod von 7000 Männern zu kaschieren. Frankreichs Präsident Chirac wollte mit französischen Soldaten die Enklave „zurückerobern“ und forderte bei deren Stationierung die Luftunterstützung der USA. Andernfalls drohte er mit dem Abzug der französischen UN-Soldaten aus Bosnien.  Weder Washigton noch London stimmten diesem Plan zu.

Der Friedensplan für Bosnien war jedenfalls unter Dach und Fach. Srebrenica wurde serbisches Territorium, wenige Tage später eroberten die Serben auch die Schutzzone Zepa. Gorazde konnte gerettet werden.

Doch am Ende sei die Frage erlaubt: Wer soll all dies den Müttern, Vätern und Söhnen erklären, die in diesen Tagen vor den Mahnmalen ihrer grausam hingerichteten Familienangehörigen trauern..

 

 

 

 

 

 

 

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Allgemein

Aufgelesen….

WIE EIN HUND IN KETTEN….

Schade, dass Jovanka Broz, die Witwe des 1980 verstorbenen ehemaligen
jugoslawischen Staatschefs Tito nicht Julia Timoschenko heißt.
Sonst wäre sie vermutlich nicht in fast assozialem Zustand in eine
Belgrader Klinik eingeliefert worden – ungewaschen, unansprechbar und
mit Wunden am ganzen Körper.
Ihren Gatten Josip Broz Tito hatte der Westen nicht nur mit roten Teppichen bei Staatsbesuchen hofiert sondern auch mit Milliarden Dollar-Hilfen an der Macht gehalten – dreistellige Milliarden, mit welchen man Griechenland heute 3 x zu einem wirtschaftlichen Musterland in der EU aufpolstern könnte. Wichtig war, daß sich Tito trotz seines kommunistischen Regimes zur „Neutralität“ zwischen Moskau und dem Westen bekannte. Da durfte er auch ungerügt
Hunderttausende seiner Landsleute noch nach dem 2. Weltkrieg ermorden lassen, nur weil er sie als Gegner seines Regimes oder seiner Ideologie vermutete.
Jovanka, 32 jünger als Tito, war schon Ende der 70-er Jahre vom offiziellen Bildschirm als Landesmutter verschwunden. Nicht auszuschließen, daß sie die -vermeintlichen oder tatsächlichen – Affairen ihres Gatten mit anderen Frauen nicht mehr ertragen wollte.
Sie selbst führt ihren Bruch mit Tito vor allem auf ein brutales Intrigennetz zurück, mit dem Titos engste Genossen dem Staatschef sogar suggerieren wollte, seine Ehefrau plane einen Putsch gegen ihn und sei u.a. sowjetische Spionin.
Nach Titos Tod ergoß sich der Hass der Spitzenfunktionäre in ungestümer Brutalität über sie. Mit den Worten „scher dich zum Teufel“ soll sie noch in der Todesnacht aus der Residenz verjagt worden sein.
Ohne Paß und persönliche Dokumente lebte sie bis 2006 in einer Villa in Belgrad, isoliert und unter Hausarrest. Die Angst, die Tito-Witwe könnte im Ausland Gelder oder diskriminierende Dokumente über die ehemalige politische Führung deponiert haben, machte sie zur Gefangenen im eigenen
Land – sowohl unter Titos Nachfolgern, die Jahrzehnte Handlanger und Entscheidungsträger bei der Verfolgung Andersdenkender waren, wie auch unter Milosevic, der
dem Thema „Jovanka Broz“ keine Bedeutung beimaß. Erst als 2006 die ersten Berichte über das menschenunwürdige Leben der einstigen First Lady auftauchten, sahen sich die nunmehr „demokratischen“ Führer genötigt,
deren Leben zumindest offiziell würdiger zu gestalten. Sie erhielt ihren Pass zurück – doch vermutlich nicht ohne die Drohung des immer noch in Serbien dominanten Geheimdienstes, sich zum Schutze ihres eigenen Lebens damit nur innerhalb Serbiens zu bewegen.
Dass es in der ihr zugeteilten Villa angesichts eines undichten Daches in nahezu allen Räumen von der Decke regnete, von den Wänden der Mörtel in dicken
Brocken flog und Jovanka Broz lange Jahre im Winter bei tiefen Minusgraden ohne funktionierende Heizung fror, dies war zwar bekannt – doch zum peinlichen Politikum wurde es erst Ende August diesen Jahres, als die mittlerweile 89-jährige Frau unansprechbar und in akuter Lebensgefahr in eine Belgrader Klinik eingeliefert wurde. Jetzt überschlagen sich wieder die „besorgten“ Kommentare, sich künftig um die Vergessene zu kümmern. Selbst die Familie – Titos Söhne und Enkel – erinnern sich plötzlich ihrer ehemaligen Stiefmutter, nach 30 Jahren ohne Kommunikation
Würde sie doch nur Julia Timoschenko heißen oder in einem russischen Gefängnis sitzen – welch Aufschrei käme da wohl aus dem so menschenrechtsbewußten Westen.

HISTORISCHE PINKELSTATION
Moskau fordert von Bulgarien mehr Schutz für Denkmäler und sonstige
Einrichtungen, die in Sofia die Verbundenheit Rußlands mit Bulgarien symbolisieren.
Erst kürzlich hatten „Hooligans“ das sowjetische Denkmal im Sofioter Zentrum rosa bemalt und im nachhinein die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 durch den Warschauer Pakt kritisiert. Es ist nicht das erstemal, daß vorrangig sowjetische bzw. russische Monumente von Jugendlichen über Nacht übermalt oder mit lächerlichen Attributen verziert werden.
Unmittelbar nach dem Sturz des bulgarischen Diktators Todor Zivkov und dem Ende des von Moskau diktierten Kommunismus in Bulgarien hatte man nahezu alle sowjetischen Symbole aus der Stadt verbannt, unter begeistertem Jubel der Bevölkerung eine überdimensionale Lenin-Statue im Zentrum gestürzt und versucht, sich auch wirtschaftlich komplett von Moskau abzunabeln.
Aber selbst während der kommunistischen Diktatur hatten die Einwohner Sofias Mittel und Wege gefunden, ihren Spott gegenüber dem Großen Bruder zu äußern: Im Dunkel der Nacht. Dann nämlich führten die Sofioter mit Vorliebe ihre Hunde in den Stadtpark, damit diese (und nicht selten auch die Hundeführer)die dort aufgestellten Denkmäler sowjetischer Führer bepissten. Es gab komplette Reinigungsteams, die sich auf Anweisung der Regierung jeden Morgen mit der Säuberung der Helden befassen mussten.

COUNTDOWN ZUM VORZEITIGEN ENDE DES MLADIC-PROZESSES?

Bis jetzt wiesen alle serbischen Vertreter – egal ob es sich um Angeklagte handelte, deren Verteidiger oder deren Politiker in der Heimat – vehement jegliche Verantwortung der serbischen Seite an dem Massakker vom
28.8.1995 zurück, als auf dem Marktplatz von Sarajewo 43 Menschen getötet und 75 verletzt wurden. Selbst internationale Beobachter und Ermittler hatten bei ihren Aussagen vor dem Kriegstribunal in Den Haag meist eingestehen müssen, dass die Abschussposition der tödlichen Granate nicht eindeutig bestimmt werden konnte. Doch die zwingende Vermutung, daß sie von serbischer Seite kam, war stets eindeutig.
Umso überraschender, zumindest für mich, daß General Ratko Mladics Anwalt sich bei der Befragung eines Zeugen unlängst darauf berief, daß sich der Hauptstab der bosnisch-muslimischen Armee nur 50 Meter entfernt vom Marktplatz befunden habe und dieser (Hauptstab) also ein legales Ziel gewesen sei. Will er damit suggerien es sei kein gezielter Anschlag auf die Zivilbevölkerung beabsichtigt gewesen, sondern eine Granate die ihr Ziel um 50 Meter verfehlt habe. ??
Könnte es sein, dass ausser der Tatsache, daß die Granate, die offenbar zwei
Jahre zuvor von der serbischen Militärfabrik Krusik in Valjevo/Serbien produziert wurde, mittlerweile Dokumente aufgetaucht sind die eindeutig die serbische Seite als Täter identifizieren?
Im übrigen drängt sich mir der Verdacht auf, daß die Verteidigung Mladics alles vorbereitet, um bei Bedarf den Prozess quasi über Nacht beenden zu können. Zum Beispiel, falls der cholerische General ohne Rücksicht auf Verluste die massgebliche Involvierung Belgrads und Milosevic in den Bosnienkrieg bestätigen würde – oder wenn seine Verteidigung zum Schluss kommt, dass unter den Beweisen der Anklage eine Verteidigung zur Farse wird.
Schon vor Monaten gab das Tribunal ein psychologisches und medizinisches Gutachten über den Zustand des 70-jährigen Generals, der u.a. wegen Genozids in Srebrenica und 4-jährigen Terrors über die Einwohner von Sarajewo angeklagt ist, in Auftrag. Serbische Ärzte und Psychologen untersuchten den Angeklagten mittlerweile, doch das Urteil darüber, ob er dem Prozess klaren Verstands folgen kann, steht immer noch aus. Zumindest offiziell.
Mladics Anwalt, Branko Lukic, geht davon aus, dass das Tribunal das Urteil der Experten aus Serbien akzeptieren werde. Sollten diese zum Schluss kommen, dass Mladic (der bereits 3 Gehirnschläge hatte) geistig verwirrt sei, sagte mir Lukic, …“dann werde der Prozess eingestellt und Mladic in Serbien in eine psychiatrische Anstalt zur Heilung eingewiesen.“
Und wieder möchte ich anfügen: Zumindest offiziell.
Tatsächlich würde ihn wohl niemand in auch nur irgendeiner Psychiatrie in Serbien finden – es sei denn zu offiziellen Fototerminen für die westliche Presse.
Vielleicht sollte man in diesem Zusammenhang auch noch die Bilder ins Gedächtnis rufen, wie erst vor wenigen Tagen der zu 20 Jahren Haft verurteilte Kriegsverbrecher Momcilo Krajisnik – engster Mitarbeiter von Radovan Karadzic – (obligatorisch nach Absitzen der Zweidrittelstrafe) in der Heimat empfangen wurde. Mit einem Regierungsflugzeug war er in Pale (Republik Srpska) in Bosnien gelandet, umjubelt von begeisterten Anhängern. Der Mann,
der während dem Bosnienkrieg gnadenlos die Vertreibung der Moslems unterstützte und eisern jeden Kompromiss ablehnte, konnte sich sogar leisten, über seine Verurteilung als Kriegsverbrecher zu spotten: Weshalb der grosse Empfang, sagte er süffisant, ..“schliesslich bin ich ein Kriegsverbrecher.“
Da mag ich mir den euphorischen Empfang für einen „schizophrenen“ Mladic
gar nicht vorstellen, einschliesslich der Genugtuung, dem naiven Westen wieder einmal ein Lehrstück an Schlauheit vorgeführt zu haben.
Mag auch sein, dass sich selbst die Verantwortlichen im Tribunal eines solch möglichen Szenarios mittlerweile bewusst sind. So sträubte sich das Gericht unlängst, dem Antrag von Mladics Anwalt, die Verhandlungstage von 5 auf 4 Tage pro Woche zu reduzieren, stattzugeben. Als Begründung war Mladics Gewichtsabnahme angeführt worden, die eine schnelle Ermüdung nach sich ziehe.(Anwalt Lukic: Alle Incidente vor Gericht, bei welchen Mladic ausrastete, ereigneten sich am Freitag – also dem 5. Tag).
Nein, das sah der Richter anders. Mladic habe bereits im vergangenen Jahr weniger als 60 kg gewogen, es gebe also keinen neuen Tatbestand.

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