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Serbien will Kriegsverbrecher rehabilitieren

 

 

Serbiens Sonderstaatsanwalt für Kriegsverbrechen lebt gefährlich…

Serbiens Elite-Einheit „Kobra“ bewacht ihn und rund um die Uhr. Er trägt stets eine Pistole bei sich und warnt mögliche Attentäter: Ich bin ein verdammt guter Schütze!

Daß sein Leben jemals von schnellfeuernden Guerillas abhängen könnte, hatte sich Vladimir Vukcevic allerdings nicht träumen lassen, als er 2009 den Job als serbischer Sonderstaatsanwalt für Kriegsverbrechen übernahm. Die Jagd von Kriegsverbrechern, egal ob vom Den Haager Kriegstribunal gesucht oder zur Anklage vor den einheimischen Gerichten, gehört seither zu seinem Alltag. Ich wollte Serbien den Weg nach Europa öffnen und das Land von der Kollektivschuld für begangene Kriegsverbrechen befreien, erklärt er seine Motivation, ..“ich wollte beweisen, daß diese Greueltaten von Individuen verübt wurden, die sich dabei auf ihren Patriotismus im Namen des Volkes beriefen.“ Eine Mission, die international hoch geachtet wurde, ihn im eigenen Land dagegen zum Verräter abstempelte. Vukcevic: „In jedem zivilisierten Land der Welt hätte man meiner Arbeit Respekt gezollt. Hier in Serbien wartet man nur darauf, meinen Rücken zu sehen. Das ist das Klima und meine große Enttäuschung nach all diesen Jahren.“

 

Verräter, Spion, Nestbeschmutzer…

Trotz verbalem Europa-Bekenntnis von Premier Aleksandar Vucic gewinnt die berüchtigte „patriotische Front“, bekannt als „Anti-Haager-Lobby“ immer beängstigerenden Einfluß im Land. Ihre Protagonisten versäumen keine Gelegenheit, der Bevölkerung systematisch die Benachteiligung serbischer Opfer bei der Strafverfolgung zu suggerieren. Mitten im Zentrum Belgrads, direkt vor dem Parlament, sind auf riesigen Plakatwänden Hunderte Fotos von Serben zu sehen, die während des Kriegs getötet wurden. Darunter in dicken lettern die Parole, daß „deren Tod niemand sühne“. Unterstützt wird die Hetzkampagne ausgerechnet von Serbiens Präsident Tomislav Nikolic. Das als russophil bekannte Staaatsoberhaupt beschimpfte Vukcevic nicht nur als amerikanischen Spion sondern warnte ihn auch im klassischen Unterweltjargon ….“er solle aufpassen, was er tue und was er künftig da ausgrabe“ Die unmißverständliche Drohung erfolgte nachdem Vukcevic im vergangenen Jahr ein Massengrab in Raska nahe der Grenze zum Kosovo öffnen ließ, in welchem Hunderte albanischer Leichen gefunden wurden. Serbische Sicherheitskräfte hatten die Albaner während des Kosovo-Konflikts 1998/1999 getötet, dann – um Spuren zu verwischen- aus dem Kosovo nach Serbien transportiert und dort verscharrt. Nikolics Forderung, Vukcevic sofort aus dem Amt zu feuern, wurde erst nach Protesten aus EU-Kreisen fallengelassen. Daß das Ende 2015 offiziell ausgelaufene Mandat des 65-jährigen nicht mehr verlängert wurde, überrascht so kaum. Als Nachfolgerin sollte eine 46-jährige Juristin ins Amt gehievt werden, die – so Vukcevic –eine Katastrophe für die Staatsanwaltschaft gewesen wäre und die neben ihrer Unfähigkeit vor allem Unterwürfigkeit gegenüber politischen Anordnungen auszeichne. Ein Attribut, das allerdings der gesamten serbischen Justiz auch Jahre nach dem Sturz Milosevics und der damit verbundenen demokratischen Wende anhaftet. Vukcevic protestierte, Brüssel intervenierte, die Nachfolge liegt vorerst auf Eis.

 

Wie verurteilte Kriegsverbrechern wieder zu Helden mutieren

Doch hinter den Kulissen wird längst neues Unheil ausgeheckt. Eine ungeheuerliche politische Manipulation sei imgange, warnt Vukcevic eindringlich: „Ein Heer angeblicher Rechtsexperten soll nun alle Verurteilungen von (serbischen) Kriegsverbrechern auf unwesentliche Formfehler die in keinem Zusammenhang mit der Urteilsfindung stehen überprüfen, um dann die Urteile nachträglich zu annullieren “

Die moralische Rehabilitierung verurteiler Kriegsverbrecher zeichnet sich seit langem ab. Was glauben sie, wie ich mich fühle, fragt Vukcevic verbittert, …“wenn sowohl unser Justizminister als auch der Verteidigungsminister den als Kriegsverbrecher verurteilten General Lazarevic, an dessen Verhaftung ich teilnahm, nach seiner Haftverbüßung persönlich in Den Haag abholen, ihm in der Heimat einen feierlichen Empfang organisieren und sagen: dieser General sei ein freier Mann und ein leuchtendes Beispiel wie man das Land verteidige. Hören Sie, dieser freie Mann ist ein Kriegsverbrecher. Und wie soll mich ein Justizminister mögen, der es als größtes Glück seines Lebens bezeichnet, daß ihm der in Haag als Kriegsverbrecher angeklagte General Mladic ein Stück Schokolade schenkte…!“

 

Prozesse verlängern, vertuschen, die Akten verschwinden lassen…

Lazarevic ist nur ein Beispiel von vielen. Egal, ob es sich um großzügige finanzielle Hilfen aus dem Staatsbudget für die als Kriegsverbrecher angeklagte Serben handelt oder deren VIP-Behandlung nach ihrer Rückkehr – angesichts der für Frühjahr geplanten Parlamentswahlen will sich keine Partei mangelnden Patriotismus vorwerfen lassen. Mit Tricks, die Rechtsstaatlichkeit vortäuschen, duckt man sich so geschickt vor Ungemach aus Brüssel. Verfahren sollen ins endlose verzögert werden, um die Angeklagten vor einer Strafe zu schützen. Dies sei kein Zufall sondern System, kommentiert Vukcevic die Strategie. Erst kürzlich erhielt er eine Anklage gegen 8 Serben zurück, die der Ermordung von über 1000 Muslimen in einer Lagerhalle in Kravice nahe Srebrenica 1995 beschuldigt werden (Vukcevic: das sind Mörder par excellence). Das Gericht verlangte, die Zahl der zivilen Opfer und Armeeangehörigen genau zu bestimmen – wohlwissend, daß diese Aufgliederung unmöglich ist. Als Vukcevic die geplante Obstruktion durchkreuzte, indem er angesichts fehlender Militärabzeichen und Waffen der Opfer diese zu Zivilisten erklärte, versuchte man ihm mit Hinweis auf sein offiziell abgelaufenes Mandat die Zuständigkeit zu entziehen.

 

Geheimdienste im Dienst des Verbrechens

 

Meine Arbeit war ein ständiger Kampf gegen die Politik , sagt der Mann, der in seinem blauen Anzug und dem kurzen, weißen Stoppelbart auf den ersten Blick fast unnahbar wirkt. Es fällt schwer, ihn zu charakterisieren. Manche werfen ihm Arroganz und übersteigertes Selbstbewußtsein vor – andere schildern ihn als Gerechtigkeits-Fanatiker, der ohne Rücksicht auf nationale Empfindlichkeiten Verbrechen verfolgt. Nur selten gestattet er sich emotionale Bekenntnisse wie den Hinweis auf Zeugenaussagen, die ihn bis an sein Lebensende verfolgen werden – etwa die Schilderung einer Mutter, deren zweites Kind vor ihren Augen getötet wurde, weil sie das im Rahmen der Kriegsplünderungen geforderte Lösegeld nur für 1 Kind aufbringen konnte.

Doch wie läßt es sich in einem Klima arbeiten, wo Politiker drohen, Polizisten regelmäßig Anklage-Akten in ihren Schubladen verschwinden lassen und der Geheimdienst auch Jahre nach Kriegsende Kriegsverbrecher warnt statt sie zu suchen und deren Flucht auch noch mitorganisiert? So manches Komplott, gesteht der 65-jährige, habe er erst viel zu spät aufgedeckt.

 

Wenn Karadzic therapiert und Mladic nicht erkannt wird….

 

Und einige Verhaftungen werden Vukcevic wohl auch wegen ihrer Tragikomik unvergeßlich bleiben. Die Festnahmen der beiden meistgesuchten Kriegsverbrecher Radovan Karadzic, dem Präsidenten der bosnischen Serben, und General Ratko Mladic zählen dazu.

Vukcevic: „Karadzic wurde am 21.Juli 2008 verhaftet. Aber wir hatten ihn schon Anfang Juni im Visier. Es war uns gelungen, von diesem mysteriösen Dr.Dragan David Dabic , der sogar öffentlich auftrat und Behandlungen durchführte, einen DNA-Abgleich zu nehmen. Dabei hatten wir festgestellt, daß es sich bei dieser Hollywood-Transformation tatsächlich um Karadzic handelte. Aber wir beobachteten ihn zunächst nur um festzustellen, ob er Kontakte zu Mladic oder anderen Angeklagten hatte. Als sich dies nicht bestätigte, entschlossen wir uns zur Festnahme. Wir wußten seit langem, daß der kürzliche ausgewechselte Geheimdienstchef Bulatovic der Maulwurf war, der die Haager Angeklagten seit Jahren warnte. Als drohten wir ihm mit einer Anklage gegen ihn selbst, fall der Zugriff fehlschlage.

Dennoch wurde Karadzic erneut gewarnt. Als wir ihn im Autobus verhafteten, war er gerade dabei zu fliehen. Er hatte das Nötigste in eine Reisetasche geworfen und sogar denen, die ihn warnten, noch seine Flucht mitgeteilt.“

Und stellen sie sich vor, sagt Vukcevic kopfschüttelnd, …“ als er bei uns zur Indentifizierung saß verlangte er nicht nur ein Glas Whisky sondern bot auch gleich meinem Stellvertreter an, ihn zu therapieren und seine Männlichkeit zu stärken.“

Auch die Suche nach Ratko Mladic, der sich 15 Jahre in Serbien verstecken konnte, wurde von offizieller Seite mit allen Mitteln verhindert. Wenn wir Informationen des Geheimdienstes, der Polizei oder aus Den Haag erhielten, sind wir manchmal um Mitternacht in Wohnungen eingefallen und haben dort nur erschrockene Ehepaare mit ihren Kindern vorgefunden. Die meisten Informationen waren falsch. Allerdings haben auch unsere Behörden riesige Fehler gemacht. Wir hatten das komplette Netz der Mladic-Helfer identifiziert. Dann hieß es plötzlich, daß sich Mladic selbst stellen werde. Aber er hatte es sich offenbar anders überlegt. Statt nun seine Helfer zu observieren und dadurch Mladics Aufenthaltsort zu finden, verhafteten wir sie und warnten damit Mladic.

Schließlich ist er uns ein weiteres Mal vor der Nase entkommen. Wir hatten einen Hinweis, er halte sich in einem kleinen Ort nahe Belgrad auf. Es gab dort 3 Häuser. Zwei davon durchsuchten wir. Beim dritten gaben sich unsere Beamten mit dem Hinweis zufrieden, der Besitzer sei nicht da und beriefen sich außerdem darauf, keinen Durchsuchungsbefehl zu haben. Hören Sie, diese Ausrede ist absurd und bedarf wohl keines weiteren Kommentars.

Mladic befand sich im obersten Stockwerks des 3. Hauses und beobachtete von dort das Geschehen. In dieser Nacht flüchtete er dann in ein anderes Versteck.“

Nicht minder kurios war seine Verhaftung am 26.Mai 2011. Alles war konspirativ und geheim, erinnert sich Vukcevic.

„Die Polizisten, die diverse Häuser durchsuchen sollten, wußten nicht, nach wem wir suchten. Als sie zu dem Haus kamen, in welchem sich Mladic versteckt hielt und die Türe aufstießen, stand jemand dahinter. Warum versteckst du dich, fragten sie den alten Mann. Der schwieg. In dem eher verwahrlosten Haus fand schließlich einer der Polizisten auf dem Tisch einen Personalausweis und wunderte sich: Da steht Ratko Mladic. Wer ist Ratko Mladic?, fragte er.

Ich, sagte der Mann mit der Baseballkappe, der abgemagert so gar nicht dem gesuchten Ratko Mladic ähnlich sah. Sie hatten ihn nicht erkannt.“

 

 

Fragwürdige Freisprüche auf Druck der Internationalen Gemeinschaft?

 

Doch während es Karadzic und Mladic wohl kaum gelingen wird, vor dem Kriegstribunal ihre Unschuld zu beweisen, kehrten zahlreiche Angeklagte nach mysteriösen Freisprüchen als „freie Bürger mit Heldenstatus“ in ihre Heimatländer zurück. Freisprüche, die Vukcevic zumindest „sehr, sehr überrascht“ haben. Direkte Kritik vermeidet er bewußt und weist auf seine hervorragende Zusammenarbeit mit dem Tribunal hin – selbst mit der streitbaren und in Serbien verhaßten ehemaligen Chefanklägerin des Tribunals, Carla del Ponte. Allerdings habe die Schweizer Staatsanwältin panische Angst gehabt, in Serbien vergiftet zu werden. Vukcevic mußte einmal sogar ihren Kuchen vortesten.

Nicht jeder hielt sich mit Kritik so bedeckt. Viele dieser Freisprüche, unter anderem gegen den kroatischen Kommandanten Ante Gotovina, seien unter massivem ausländischen Druck gefällt worden, behauptete 2013 der dänische Richter Frederik Harhoff. Er beschuldigte den ICTY-Präsidenten Theodor Meron, der habe auf Druck aus Washington Freisprüche in Revisionsverfahren erzwungen. Harhoff wurde umgehend suspendiert.

 

Zeugen riskieren ihr Leben

 

Die Achillesferse für zahlreiche fragwürdige Freisprüche liegt allerdings auch im Mangel an glaubwürdigen Augenzeugen. Überraschen sollte dies nicht, denn diese stehen – so sie gegen ihre eigenen Landsleute aussagen – aufgrund eines katastrophalen Zeugenschutzprogramms nicht selten schon mit einem Bein im Grab. Die zugesagte Anonymität ist meist Schall und Rauch. In der Heimat wird schnell die wahre Identität der „Verräter“ aufgedeckt. Zur Erinnerung: Während des Prozesses gegen den albanischen UCK-Kommandanten Ramush Haradinaj aus dem Kosovo wurden 19 Zeugen der Anklage entweder ermordet oder starben auf mysteriöse Weise. (Motto: warnen, bestechen, drohen, liquidieren). Haradinaj wurde mangels Beweisen freigesprochen.

 

 

Angst vor Rache haben vermutlich auch jene Zeugen, die Aufklärung über die mysteriösen Ereignisse im „gelben Haus“ geben könnten. Hier sollen in einem kleinen Dorf in Nordalbanien Serben, Romas und mit Serben sympathierenden Albanern Organe entnommen und mit Flugzeugen in den Nahen Osten transportiert worden sein. Die Opfer seien nach Ende der Nato-Bombardierung 1999 aus dem Kosovo nach Albanien verschleppt worden, behauptet Vukcevic. Sowohl UN-Ermittler wie auch der später engagierte Schweizer Europaratsabgeordnete Dick Marty hatten zwar den Verdacht erhärtet – bei der Zahl der Opfer klaffen allerdings die Zahlen weit auseinander. Während Vukcevic nach Anhörung von über 500 Zeugen von 200 – 300 Getöteten spricht, wollen Marty sowie der später noch im Auftrag der EU ermittelnde US-Staatsanwalt Clint Williamson allenfalls Hinweise auf eine Handvoll Opfer haben. Wie glaubwürdig die Zeugen sind , von denen einige vermutlich an den Verbrechen selbst beteiligt waren, darüber sind sich die Experten ebenalls nicht einig. Ihre vor den Ermittlern gemachten Aussagen wollen sie jedenfalls aus Angst vor Verfolgung vor Gericht nicht wiederholen.

 

 

Statt Versöhnung – Radikalisierung

Zugegeben, es nicht allein Serbien, in welchem Nationalismus unter dem Deckmantel des Patriotismus erneut an Popularität gewinnt. Ein politischer Rechtsruck scheint derzeit den gesamten Balkan im Griff zu haben. Die Töne zwischen den ehemaligen jugoslawischen Republiken verschärfen sich jedenfalls. Seit in Kroatien die ehemalige „Tudjman-Partei“ HDZ erneut Regierungspartei ist, wetteifern offenbar Nationalisten um erneute Aufmerksamkeit. Der Kultusminister will mehr patriotische Filme im Fernsehen sehen, der für Kriegsveteranen zuständige Minister Mijo Crnoja forderte gar ein Register für Staatsverräter – Kroaten die während des „Vaterlandkriegs“ die damalige Kriegsstrategie kritisierten. Er mußte mittlerweile zurücktreten.

Hunderte von Zeugen aus Kroatien sind lt. Vukcevic für ihn „nicht aufgreifbar“, da sie von der dortigen Regierung unter dem Vorwand geschützt werden, ..“dies könnte die nationale Sicherheit gefährden.“ Ermittlungen über die Vertreibung von schätzungsweise 200 000 Serben aus der kroatischen Krajina im August 1995 und dabei begangene kroatische Verbrechen können damit kaum verfolgt werden.

Kroatische Ermittlungsbehörden beklagen allerdings im Gegenzug nicht minder serbische Ignoranz bei der Erfassung von Verdächtigen aus Serbien.

 

In Bosnien hat das nationale Kriegsverbrechergericht, das die vom Haager Kriegstribunal nicht mehr zu bewältigenden Verfahren übernehmen sollte, die Erwartungen nicht erfüllt. Tausende von Strafverfahren sind anhängig, die Justiz ist großenteils unfähig und politisch abhängig. Verfahren gegen bosnisch-muslimische Täter sind selten und internationale Studien beklagen eine Verwässerung der Vorwürfe. Viele Täter werden dehalb auch weiterhin ein freies Leben genießen, oft in unmittelbarer Nachbarschaft zu ihren einstigen Opfern.

 

Zum flop könnte auch ein in Den Haag neu gegründetes Sondergericht für die Verbrechen der albanischen Befreiungsarmee UCK werden. Es soll ab diesem Jahr die Verbrechen der UCK an ethnischen Minderheiten und politischen Gegnern während der Jahre 1999/2000 klären – darunter auch den angeblichen Organhandel. Medien spekulieren, daß sich unter den Verdächtigen zahlreiche hochrangige Politiker des Kosovo befinden. Skepsis ist indes angebracht. Die Betroffenen, unter ihnen der selbst vom BND als Politiker mit Verbindungen zu Mafiastrukturen charakterisierte derzeitige Außenminister des Kosovo, Hasim Thaci, dürften wohl keine Mühe scheuen, ihre Unschuld mit bewährten Mechanismen abzusichern. Thaci bewirbt sich zwischenzeitlich um das Amt des Präsidenten, von dem er sich u.a. politische Immunität erhofft.

 

 

Ein neuer Balkan-Krieg?

Hat Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel recht, wenn sie vor einem neuen Balkankrieg warnt – womöglich ausgelöst durch die Flüchtlingskrise?

Vukcevics Antwort ist ein kategorisches „Nein“.

Und doch wirkt er nachdenklich, wenn er von seinem Vater erzählt, der ihn lange vor dem Zerfall Jugoslawiens warnte, die Jugend würde all das was die Alten blutig aufgebaut hätten, zerstören. Er habe es damals jedenfalls für puren Unsinn gehalten.

Vielleicht liegt darin das Motiv des 65-jährigen, warum er auch nach Ende seines Mandats weiter Kriegsverbrecher jagen wird. Sein künftiger Job ist ein regionales EU-Projekt. Juristen aus allen ehemaligen jugoslawischen Republiken sollen hier zusammenarbeiten, um ein Netzwerk an Informationen und Daten zu sammeln, dem kein Verbrecher mehr durch einfachen Wechsel seines Aufenthaltsortes entfliehen kann.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Lauernde Dämonen

Brennende Regierungs- und Parteigebäude, demolierte Autos und Strassenschlachten zwischen Polizei und Demonstranten – in mehr als 30 bosnischen Städten protestieren Wutbürger seit mehr als einer Woche gegen ihre unfähigen Politiker. Denn knapp 20 Jahre nach Ende des Bosnienkriegs (1992-1995) schlittert das Land in ein Desaster ohne Ende und führt der Internationalen Gemeinschaft ein gescheitertes Modell vor Augen. Die Wirtschaft stagniert, Massenarbeitslosigkeit würgt jede Zukunftsperspektive ab, Korruption und Kriminalität in Führungsetagen zählen längst zu den Kavaliersdelikten ohne rechtliche Folgen. Ein Cocktail, der jetzt explodierte, – wie es der derzeitige Oberste Repräsentant der internationalen Gemeinschaft, der österreichische Diplomat Valentin Inzko beschreibt.

Doch während die Politiker des Balkanlandes nach kurzer Schockstarre und dem Rücktritt einiger Amtsinhaber in gewohnter Manier Zeit mit der Aussicht auf „mögliche“ vorgezogene Wahlen gewinnen wollen (offizieller Wahltermin Oktober), reagiert man in Brüssel mit verhaltener Panik. Die Angst, der soziale Tsunami – derzeit noch alle Ethnien gemeinsam umfassend – könnte blitzschnell zu einem multiethnischen Konflikt eskalieren, lässt von Berlin bis Rom die Alarmglocken schrillen. Denn noch lauern die Dämonen der Vergangenheit in den Köpfen der einstigen Kriegsgegner. Dass die Jugend, die den Bürgerkrieg der 90-er Jahre meist nur aus den Erzählungen ihrer Eltern und Schulbüchern kennt, gegen Nationalismus immun sei, könnte eine trügerische Hoffnung sein. Zu dominierend schlug sich die nationalistische Propaganda aller Ethnien auch in den Nachkriegsjahren im Alltag durch.
Niemand mag heute mit absoluter Gewissheit zu prophezeien: Waren die Kriegstragödien, die nahezu alle Familien betrafen, ausreichend um alternativlos den Frieden zu verteidigen oder würde der berühmte Funken reichen, um Serben, Kroaten und bosnische Muslime erneut zum Rachefeldzug aufzuputschen.
Schon tauchen – fast wie zum Lackmustest – in den Medien der von Serben dominierten Republik Srpska erste Artikel auf, dass die dort demonstrierenden Bürger tatsächlich „Importware“ aus der rivalisierenden Entität der bosnisch-kroatischen Föderation seien, herangekarrt in Bussen um in der serbischen Entität Unruhe zu stiften und eine internationale Intervention zu provozieren. Selbst von Waffen wollen einige Journalisten erfahren haben, die man in Sarajewo bereits für einen Angriff auf die serbische Entität sammle.
Doch die Schuld am Scheitern des Versöhnungsprozesses in Bosnien liegt weiß Gott nicht nicht allein an der einheimischen Nomenklatura.
Keiner weiss besser als die internationale Gemeinschaft selbst, dass sie weder während des Bosnienkriegs noch in den Nachkriegsjahren einen Modus fand, eine ernsthafte und nachhaltige Versöhnung zwischen Serben, Kroaten und bosnischen Muslimen zu erreichen. Im Gegenteil. Der Hass zwischen den 3 Volksgruppen, behaupten viele Intellektuelle in Bosnien, sei heute nahezu grösser als während des Kriegs.
Die EU hat ihren Einfluss geschwächt indem sie Fortschritte in Bosnien lobte wo es keine gab, sagte der mittlerweile verstorbene amerikanische Diplomat Richard Holbrooke.
Daß er als Architekt des Dayton-Friedensabkommen von 1995 selbst Fehler machte, leugnete er angesichts der enttäuschenden Entwicklung nie. Dayton hatte zwar den Krieg gestoppt, doch der unter US-Diktat zustande gekommene Vertrag war weder durchdacht noch als Zukunftsmodell brauchbar. Der gravierendste Fehler war dabei die Aufteilung Bosniens in 2 Entitäten, welche nicht nur die serbischen Eroberungen zementierte sondern den fortschreitenden Zerfall des Landes beschleunigte. Während die Serben in ihrer Republik Srspka einen Staat im Staat kreierten und ihr Führer Milorad Dodik nur auf eine günstige Gelegenheit wartet, mittels Referendum die internationale Gemeinschaft von einer unvermeidlichen Abtrennung der Republik Srpska von Bosnien zu überzeugen, waltet in der rivalisierenden bosnisch-kroatischen Föderations-Entität die Devise: blockieren und kassieren.
Ignoriert wurden bislang alle Versuche – sowohl der USA als auch der EU – mit einer umgreifenden Verfassungsreform das Land regierbar zu machen. Abgeschmettert wurde auch jeder Versuch Brüssels, mit EU-kompatiblen Gesetzen das Land der EU anzunähern.
Die Internationalen Aufseher, die sog. „Hohen Repräsentanten“ , verloren in dem politisch völlig blockierten Land schnell ihren Einfluss und wurden kaum noch registriert. Ihre katastrophale Widersprüchlichkeit, sich als erfolgreiche Friedensmanager international in weitere Spitzen- oder Vermittlerpositionen zu empfehlen, erinnerten am Ende eher an ein Versuchslabor, das eine Schar agressiver Mäuse wechselweise mit Elektroschocks, Käse und Streicheleinheiten in eine friedliche Kommune verwandeln möchte. Während der Engländer Lord Paddy Ashdown in seiner Funktion als Hoher Repräsentant über 100 bosnische Politiker wegen nationalistischer Tendenzen feuerte, stellte der deutsche Vertreter der Internationalen Gemeinschaft, Christian Schwarz-Schilling wenig später mit Hinweis auf demokratische Normen die Mehrzahl der Geschassten wieder ein. Der Slowake Miroslav Lajcak, heute Aussenminister seines Landes, klagte dagegen, Brüsssel habe ihn völlig im kalten Regen stehen lassen. Er sei mit seinen Warnungen über die wachsenden Probleme im Land nur auf taube Ohren gestossen.
Insbesondere der wachsende Nationalismus der herrschenden Politiker machte Lajcak Sorgen. Dies schien das Patentrezept für alle Amtsträger zu sein, mit Hinweis auf die drohende Gefahr einer Dominaz anderer Volksgruppen über die eigene sich als nationale Retter bei den Wahlen an der Macht zu halten.
Doch kehren wir in die Gegenwart zurück, in welcher Tausende von Demonstranten im Land eben jene Politiker am liebsten in die Wüste verbannen würden. Mit Slogans „Diebe, haut ab, gebt uns unser Ehrgefühl wieder“, aber auch hochsensiblen politischen Forderungen wie ein einheitliches Bosnien nehmen sie den Machtkampf mit den bislang unantastbaren Gladiatoren des politischen Establishments auf.
Unterstützt werden sie dabei von immer mehr landeseigenen Organisationen und Intellektuellen.
Die bosnische Gesellschaft habe sich in 20-jähriger katastrophaler Politik in eine oligarchische Tyrannei mit nationalistischer Ideologie entwickelt, rechtfertigt etwa die Vereinigung zur Entwicklung der akademischen Freiheit in Bosnien die Rebellion auf den Strassen.

Mit 150 Ministern mit eigenem Limousinenpark und privilegierten Amtswürden, 10 eigenständigen Kantonen die sich der Zentralgewalt in Sarajewo dank „ eigener Verfassungen“ erfolgreich entziehen und 1 Beamten auf 500 Bürger (europäischer Durchschnitt 1:2000) wurde ein Monsterstaat erzeugt, der in Europa seinesgleichen sucht. Niemand weiss genau, wieviele zig-Milliarden $ Aufbauhilfen die internationale Gemeinschaft in ein gescheitertes Projekt steckte, nur um die Illussion eines Erfolgs aufrechtzuerhalten. Nur eines ist gewiss: Die Gelder versickerten überwiegend im unkontrollierbaren administrativen Chaos oder wurden vertikal innerhalb einer meist durch familiäre Bande geprägten Vetternwirtschaft verteilt, flankiert von Kriminalität und Korruption.
Mindestens 2 Milliarden $ Nachkriegshilfen sind offiziellen Aussagen zufolge nicht mehr auffindbar. Dazu kommen Milliarden-Unterstützungen islamischer Länder, deren Verwendung ebenfalls nur lückenhaft nachweisbar ist.
12 000 Nichtregierungs-Organisationen (NGO) wurde seit Oktober 2010 registriert, von welchen sich allein 50 % mit dem „Schutz der Rechte von Kriegsopfern“ befassen. Häufiges Ziel: Staatliche Finanzierung und Subventionen. Werden sie wegen Betrugs geschlossen, eröffnen die Betreiber sofort neue Humanitär-Geldwäschereien.
Staatsfabriken wurden zu Schleuderpreisen und meist ohne vorgeschriebene Ausschreibung privatisiert. Den Zuschlag erhielten in der Regel Verwandte oder einflussreiche Freunde.
Und während die upper-class mit ihren Luxuskarossen und blindierten Jeeps durch das Land chauffiert, lebt heute jeder 5. der 3,8 Millionen Bürger unter der Armutsgrenze. Mit einer Arbeitslosenquote von offiziell 44 % (Sicherheitsminister Fahrudin Radoncic spricht sogar von 55 %), einer Jugendarbeitslosigkeit von knapp 60 % und einem Durchschnittslohn von 423 € ist in vielen Familien der Hunger Dauergast. Zahlreiche Firmen sind mit der Auszahlung ihrer Löhne ohnehin wochenlang im Verzug.

Ob sich die Misswirtschaft von 2 Jahrzehnten durch die Forderungen der Demonstranten beheben lassen, mag in Zweifel gezogen werden. Ein Anfang wäre indes gemacht. Die Regierung, so wird verlangt, solle durch parteilose Experten ersetzt werden, die Gehälter der Beamten jenen der in öffentlichen und privaten Betrieben Beschäftigten angepasst werden. Auch lukrative Nebeneinkünfte in Aufsichtsräten und Gremien wären Politikern künftig untersagt.
So manche Forderung der unzufriedenen Bürger scheint indes zu einem Wettlauf mit der Zeit zu werden. Seit Tagen, so berichtet die bosnische Zeitung „Dnevni Avaz“, schleppten Beamte und öffentlich Bedienstete in Kisten und Koffern Dokumente aus den Regierungsgebäuden an einen „unbekannten“ Ort – angeblich um diese vor der Zerstörung durch radikalisierte Demonstranten zu schützen. Tatsächlich, wird vermutet, sollen damit Beweise für kriminelle Machenschaften und Korruptionen vertuscht werden, deren gerichtliche Klärung die Demonstranten fordern.

Die Sympathie der Internationalen Gemeinschaft liegt – trotz Magendrücken angesichts einer möglichen Radikalisierung – bei den Demonstranten. Doch damit ist es auch schon getan. Bei der Suche nach einer Konfliktlösung scheint wie schon im Krieg beschwichtigende Shuttle-Politik mit Besuchen hochrangiger EU-Vertreter (u.a.Catherine Ashton) in Bosnien Vorrang zu geniessen. Einen Plan B habe man nicht, soll ein EU-Beamter im Vertrauen verraten haben. Ansonsten registriert man eher peinliche Auftritte.
Als Valentin Inzko in einem Interview sagte im Falle einer erneuten blutigen Auseinandersetzung müsse Europa notfalls mit der Entsendung von Truppen reagieren (derzeit sind rund 800 Soldaten der Eufor noch in Bosnien stationiert), rüffelte ihn Brüssel postwendend zurecht, ..“er sei weder Repräsentant der EU noch könne er in deren Namen sprechen.“
Der Beauftragte des Europaparlaments, Jelko Kalcin, warnte die bosnischen Politiker in einem TV-Interview, diese seien nicht mehr unantastbar und würden in den nächsten Wochen sehen, wie die EU unfolgsame Führungen in der Ukraine bestraft und sollten sich bewusst sein, dass diese Massnahmen auch in Bosnien angewandt würden. Andere EU-Vertreter sollen dagegen in Erwägung ziehen, Bosnien durch eine vorgezogene EU-Mitgliedschaft Zukunftsperspektiven zu suggerieren.
Als alleinige Massnahme wird es nicht reichen. Nahezu alle westlichen Machtzentren sind sich einig, dass eine Revision des Dayton-Abkommens unvermeidbar ist – ob als letzte Chance für einen funktionierenden Gesamtstaat Bosnien oder dessen endgültigen Zerfall, darauf möchte wohl niemand wetten. Denn ein für den Fall der Abschaffung der „Republik Srpska“ von deren Präsidenten Milorad Dodik angedrohtes Abspaltungs-Referendum (mit geschätzter 90 %-iger Zustimmung für eine Abtrennung) ist ein Spiel mit dem Feuer. Unabsehbar wäre dann nicht nur die Reaktion der bosnischen Muslime sondern auch die der ebenfalls in die Föderationsentität eingebundenen Kroaten. Sie würden zweifellos dieselben Rechte einer Abtrennung einfordern. Schliesslich hatten sie im Bosnienkrieg lange Zeit mit diesem Ziel gegen die bosnische Armee gekämpft, bevor Washington sie in die Föderation mit den Muslimen zwang.
Gute Argumente müsste schliesslich auch die internationale Gemeinschaft auffahren, weshalb mit einem überwältigenden Votum der serbischen Bevölkerung in Bosnien (von der völkerrechtlichen Analyse einmal abgessehen) nicht ebenso verfahren wird wie mit der Unabhängigkeit der ehemals serbischen Provinz Kosovo. Bleibt die Frage, ob ein Zerfall Bosniens dem Frieden in der Region nicht mehr nützen würde als ein erneut unter Zwang rekonstruierter Einheitsstaat.
Wie immer das Frühlingserwachen in Bosnien-Herzegowina enden mag –es ist ein Anfang mit ungewissem Ende.

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Eine Deutsche – die serbische Eliot Ness…

so jedenfalls nennt die serbische Presse die neue, deutsche Gastarbeiterin in der serbischen Regierung: Ab 1. Dezember soll Bettina Nellen als Beraterin der serbischen Regierung das Team ausländischer Experten bereichern. Bezahlt wird sie – im Gegensatz zu den restlichen Beratern – von der deutschen Bundesregierung. Nellen wurde lt.Presseberichten angeblich schon im vergangenen Jahr in Zusammenarbeit mit dem deutschen Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung Dirk Niebel angeworben, um Korruption und Geldwäsche in Serbien effektiver (als bisher) zu bekämpfen. 11-jährige Erfahrung auf diesem Gebiet, u.a. auch eine zweijährige Beratertätigkeit bei der KLB-Bank in Luxemburg, sollten dabei helfen. Wichtigstes Argument war indes das Eliot-Ness-Image, die Unbestechlichkeit.
Bei allem Respekt vor Frau Nellen – ich vermute, dass hier auch das Bestreben Belgrads dominiert, sich bei Vorwürfen aus dem Ausland künftig mit dem Argument zu verteidigen, dass selbst EU-Experten hier nur mit kleinen Schritten vorankommen. Zu tief sind Korruption mit Polizei, Geheimdienst, Kriminellen und Politikern verflochten als dass hier jemand mit Zauberstab oder Peitsche r über Nacht Ordnung schaffen könnte.
Einen Fortschritt gibt es dennoch: Vor ein paar Jahren – nicht nur während der Ära Milosevic – hätte man diese Flut an ausländischen Beratern als Okkupation des Landes durch hinterlistige, westliche Kräfte gebrandmarkt, die durch die Hintertür Serbien unter ihre Kontrolle stellen wollten.
Es geht doch aufwärts…

Ich leihe mir mal Eltern für 5 Mark

Hätte es das nur zu meiner Schulzeit gegeben – wesentliche Schikanen wie Abspülen, Hausarrest und Holz schichten wären mir erspart geblieben…
In Bosnien leihen sich Schüler, deren Lehrer angesichts schlechter Noten oder agressiven Verhaltens die „Eltern“ einbestellen, selbige durch Inserate.
Für 5 Mark schauspielern interessierte Erwachsene die „Elternrolle“ vor den Professoren, hören sich deren Klagen und Vorwürfe an, versprechen ernsthafte Konsequenzen für die Sprösslinge und bestätigen, dass versäumte Unterrichtsstunden nachweisbare Gründe hatten.
Die tatsächlichen Eltern und deren vermutliche Bestrafung wird so umgangen.
Eine Identitätsprüfung bei den Elternabenden oder Einbestellungen durch die Professoren ist nicht üblich. Dnevni Avaz berichtet, dass sich lt. Statistik nur 30 % aller Eltern regelmäßig über die Erfolge ihrer Kinder informieren.

Krieg der Dossiers…
Nichts war beim Zerfall Jugoslawiens, beim Sturz Milosevics oder bei der Machtübernahme rivalisierender Oppositionsparteien wichtiger als sich beizeiten Kopien von Dossiers zu verschaffen. Denn die sind heute wertvoller als jede Lebensversicherung. Bedenkt man, dass auch Medien aus diversen Quellen regelmäßig mit solchem „Insiderwissen“ gefüttert werden, um die politischen Gegner entweder zu warnen oder diese – wenn es Geheimdienst oder Politiker beschlossen habe – beruflich zu eleminieren, ist so manche Ohnmacht der Regierenden verständlich. Nur wer Drohung mit Gegendrohung balancieren kann, überlebt.
Das erlebt derzeit auch der starke Mann der Republik Srpska in Bosnien, Milorad Dodik. Trebinjes Bürgermeister Slavko Vucurevic kündigt Details über „kriminelle Aktivitäten“ des Präsidenten der RS an. Falls der nicht selbst seine zwielichtigen geschäftlichen Kontakte während der Nato-Bombardierung offenlege, werde er, Vucurevic, Details über Dodiks Vergangenheit mitteilen.
Wenige Tage zuvor hatte Dodik seinen Kontrahenten Vucurevic beschuldigt, gemeinsam mit der Ärztekommission zahlreiche Invalidenrenten ohne nachgewiesene Invalidität der entsprechenden Personen bewilligt zu haben.

Im Sumpf gegenseitiger Erpressungen und Mauscheleien sinkt offenbar auch Serbiens Premier Ivica Dacic immer tiefer. Seine realistische, proeuropäische Politik hatte in den letzten Monaten zwielichtige Affairen aus der Vergangenheit verblassen – aber viele nicht vergessen lassen. Es ist vermutlich nicht grundlos, dass er neben dem Premiersposten auch weiter Innenminister bleiben will. Denn nur so kann er versuchen, den Deckel weitgehendst über Skandalen der Vergangenheit geschlossen zu halten.
Allerdings wird die Luft immer dünner…
Kurir schreibt, dass die Verhaftung des serbischen Attaches in Athen und ehemaligen Kabinettschefs von Dacic, Branko Lazarevic, kurz bevor stehe.
Angeblich existieren 130 Discs, die dessen enge Verbindung zum weltweit gesuchten Drogenboss Darko Saric beweisen. Lazarevic, der 2008/2009 in Dacics Innenministerium zu den einflussreichsten Kadern in der serbischen Polizei zählte, soll u.a. den Mafiaclan um Saric regelmäßig über geplante Aktionen gegen diesen informiert haben.
Allerdings sei er nicht der einige unter den hohen Funktionären aus Politik und Polizei gewesen, die mit dem Saric-Clan kooperiert hätten, meint Kurir. Eine indirekte Warnung auch an Parlamentarier der Oppositionsparteien, nicht mit Steinen zu werfe wenn man selbst im Glashaus sitze..
Dacic rettet sich derweil in der Flucht nach vorne. Er begrüßte die Verhaftung des Eigentümers der Firma „BG Farm“ wegen Veruntreuung von über 30 Millionen Euro. Dass ein Grossteil der Gelder lt. Informationen des Kurir zur Finanzierung der Sozialistischen Partei Dacics verwendet wurde, darf man dann wohl unter „lässliche Sünden der Vergangenheit“ abschreiben.

Danke IWF, danke Russland – aber wir haben Ersatz

Weil sowohl der Internationale Währungsfond wie auch Russland Kredite an Serbien mit Auflagen versehen, hat sich Belgrad dem nächsten Kreditgeber zugewandt: den Vereinigten Arabischen Emiraten.
Angeblich sind sie bereit, Serbien mit 2 – 3 Milliarden Euro aus dem Schulden-Dilemma zu helfen. Denn bis 2015 sind serbischen Angeben zufolge an Schuld- und Zinstilgung allein 13,4 Milliarden Euro fällig.

Grossalbanien auf dem Vormarsch….
Albaniens neuer Premier Edi Rama bestätigte, dass die Regierungen Kosovo und Albanien künftig gemeinsame Parlamentssitzungen abhalten wollen.
Hier würden die „gemeinsamen strategischen Ziele“ festgelegt, auf welchen jeder Minister Rechenschaft über gemeinsame Projekte geben solle.
Das erste Parlamentarier-Treffen soll bereits im November in Prizren stattfinden.
Muss man wirklich viel Phantasie besitzen, um die Zukunft zu prognostizieren??

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Aufgelesen…..

Was gibt es sonst noch Neues?

Pierre Henri Bunel, der französische Geheimoffizier, der Milosevic während der Natobombardierung die Ziele der Nato verraten hatte, wurde nun von Serbiens Präsident Nikolic
für seinen Mut mit einem hohen Orden ausgezeichnet. Ist das ein Schritt Richtung EU?

Dominique Strauss-Kahn ist wieder im Gespräch als Berater der serbischen Regierung. Der Franzose soll jetzt preisgünstiger sein, nachdem man sich der „Vermittler“ entledigte, die für den deal horrende Vermittlungshonorare eingefordert hatten. Ja, so kann man auch reich werden…

Aljazeera berichtete vor kurzem, dass die Parlamentarier in Bosnien das 7-9-fache Gehalt haben wie der Landesdurchschnitt, jedoch monatlich im Durchschnitt nur 9 Stunden im Parlament säßen.
Also, solange der Westen Faulheit und Desinteresse an Reformen munter weiter finanziert, warum sollte es sich ändern?

Serbiens starker Mann, Aleksandar Vucic, sieht keinen Grund die beiden Fussballclubs Partizan und Roter Stern Belgrad (Crvena Zvezda) nicht zu privatisieren – heißt, einem reichen Russen oder Araber ins Gepäck zu legen. Schließlich, so Vucic, störts doch auch keinen bei den Briten.

Wir reden immer von der fortschreitenden Versöhnung der ehemaligen Kriegsparteien. Und was passiert jetzt in Vukovar? Blutige Proteste, weil die Regierung in Zagreb beschlossen hat, die Vorschriften für Minderheiten zu respektieren und Ortstafeln auch in kyrillisch aufzustellen. Wird wohl noch einige Zeit dauern, bis die diplomatische Versöhnung Zagreb – Belgrad auch in den Seelen der Bevölkerung angekommen ist. Und ist auch eine Warnung, wie schnell Kriegsbeile trotz der These, dass alle genug von Kriegen haben, wieder ausgegraben werden könnten..

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Aufgelesen

BOSNIEN

Memoiren, so hatte ich nach Ende des Balkankriegs gehofft, könnten so eine Art „Wikileaks“ sein,die fehlende Puzzlesteine liefern für undurchsichtige, nicht geklärte Ereignisse während des jugoslawischen Zerfalls. Die manches erklären, wo wir Journalisten im Trüben fischten oder unsere Einschätzung nur subjektiv,
entsprechend den gegebenen Möglichkeiten und Gesprächen mit Kriegsbeteiligten wiedergeben konnten.
Und so stapelten sich die dicken Wälzer jener „Zeitzeugen“ – ehemaliger und aktueller Politiker, Militärs, Kriegsverbrecher die ihre
Haft abgesessen hatten oder jene, die überraschend freigesprochen wurden, nach und nach wie Türme auf meinem Schreibtisch.
Es dauerte nicht lange, bis ich mich die Wut packte: da raubte jemand meine Zeit mit harnebüchenen, unverschämten und primitiven Rechtfertigungen seiner Vergangenheit. Es wurde gelogen, daß sich die Balkan bogen.. Getreu dem Motto: Es gab keine Kriegsverbrechen in den eigenen Reihen. Nein, diese (wahrscheinlich auch nicht immer selbst verfaßten) Rückblicke und Einblicke sind ein elender Versuch, sich vor den Lesern im eigenen Land weißzuwaschen – den eigenen Kampf um Sieg und Überleben der Nation zu beschwören, egal was Haager Kriegstribunal oder eindeutige
Beweise an Gegenteiligem belegten.

Trotzdem lese ich die Autobiografien weiter. Denn sie liefern zwar keine Steine, doch manchmal einen Lichtblick auf einen Krieg, der uns trotz seiner umfangreichen Aufarbeitungsversuche durch das Haager Kriegstribunal viele
Antworten schuldig bleibt.
Was geschah tatsächlich in Srebrenica – wer gab die Anweisung zur Tötung von mehr als 7000 Muslimen?
War es Karadzic, General Mladic, oder gar der mittlerweile verstorbene Slobodan Milosevic? Ob wir es jemals genau wissen werden?

Jetzt ist ein neues Buch auf dem Markt, in dem der ehemalige muslimische Kommandeur für Srebrenica Naser Oric „Fragen beantwortet“. Autor des Werks (Titel: Naser -von Gazimestan bis Haag und zurück) ist zwar Avda Huseinovic, doch letztlich ist es eine Selbstinszenierung und Abrechnung des umstrittenen Kommandeurs mit seinen Gegnern – und damit meint er nicht in erster Linie die Serben sondern die Kameraden in den eigenen Reihen.

Viel Mysteriöses umgibt die Karriere von Naser Oric, einem bosnischen Muslim . Obwohl er Anfang der 90-er Jahre sogar als Leibwächter von Slobodan Milosevic tätig und Angehöriger einer Spezialeinheit der serbischen Polizei war, vertraute ihm Bosniens Präsident Alija Izetbegovic die Verteidigung der Stadt Srebrenica als deren militärischer Kommandeur an.
Die einstige Chefanklägerin des Haager Kriegstribunals, Carla del Ponte, beschuldigte Oric, er sei deshalb auch verantwortlich für die Ermordung von mehr als 1000 Serben in den umliegenden Dörfern von Srebrenica und forderte 18 Jahre Haft.
Doch die Richter konnten sich 2006 gerade mal zu 2 Jahren Gefängnis entschließen. 2008 wurde auch dieses Urteil in der Berufung aufgehoben und Oric freigesprochen, da man ihm seine Beteiligung an Kriegsverbrechen
nicht nachweisen könne.
Die Tatsache, daß in der Region Srebrenica vor 1995 in den umliegenden Dörfern mehr als
1000 Serben ermordet wurden, stellte dabei niemand in Abrede.
Für die Bosnier war dies aber gewiß kein Anlaß, sich von Oric nach dem Krieg zu distanzieren. Daß es dennoch geschah, ist in einer mysteriösen Entscheidung zu suchen,
mit welcher Bosniens Präsident Alija Izetbegovic im April 1995 und nur wenige Wochen vor dem serbischen Angriff auf Srebrenica Oric befahl, Srebrenica zu verlassen und sich nach Tuzla zurückzuziehen.Die Begründungen dafür waren später so mannigfaltig wie unglaubwürdig: Er müsse einen Trainingskurs absolvieren, er baue neue Verteidigungsposten auf, er kuriere eine Verletzung aus, hieß es. Daß er beim Angriff der Serben nicht in Srebrenica war, schrieb man schließlich auch der Weigerung von Hubschrauberpiloten zu, ihn wieder nach Srebrenica zurückzufliegen.
Selbst die These, daß Izetbegovic von der bevorstehenden Einnahme der Enklave wußte und Oric nicht opfern wollte,machte seinerzeit die Medien-Runde.
Nach Kriegsende wurde Oric vornehmlich mit Schutzgelderpressung und Verbindung zum
kriminellen Milieu in Verbindung gebracht. Für diese „Imageschädigung“ macht er nun in seinem Buch seine ehemaligen Vorgesetzten und Kollegen verantwortlich, die für ihr eigenes Versagen einen Schuldenbock suchten.
Sie selbst hätten de facto nie über den Rand ihres Tellers hinweggesehen, „nur an ihren eigenen Garten, ihre eigene Straße und ihr eigenes Dorf gedacht, statt einen Plan für die Verteidigung Srebrenicas oder die Deblockade Sarajewos auszuarbeiten.“
All dies könne er mit Dokumenten belegen, warnt Oric, der nach dem Krieg 3 Attentatsversuche überlebte.
Interessant sind an dem Buch, das in diesen Tagen in den Handel kommen soll und aus welchen sowohl die serbische Presse wie auch die bosnische zitieren, auch einige Details abseits des
Kriegsgeschehens: Oric kannte als Leibwächter Milosevics intime Details von dessen Familie –etwa daß Sohn Marko in der Grundschule eine Pistole bei sich trug oder daß Tochter Marija gerne mit Polizisten flirtete. Nicht unbedingt historisch relevant, aber ich habs trotzdem gern gelesen.
Turbulent sei es manchmal auch lt. Oric im Untersuchungsgefängnis des Haager Tribunals in Scheveningen zugegangen, in welchem er fast 3 Jahre in U-Haft verbrachte: seine Hemden bügelte ein serbischer Kriegsverbrecher – Gegenleistung Zigaretten. Und der unlängst freigesprochene ehemalige Geheimdienstchef Serbiens, Jovica Stanisic, habe Oric um Schutz vor dem ebenfalls einsitzenden serbischen Radikalenführer Vojislav Seselj gebeten, da dieser ihm Prügel angedroht hatte.

Um dann am Ende auch meine Skepsis gegenüber Memoiren zu vertiefen, sei auch noch das Buch des ehemaligen Bürgermeisters von Srebrenica, Ibran Mustafic, („planirani haos“, – geplantes Chaos) erwähnt: Der bezeichnet darin seinen Landsmann Oric und „dessen Leute“ als Hunta und Banditen, die plünderten und mordeten.
Was nun?

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