Allgemein, Politik, Serbien

40 Jahre Haft für Radovan Karadzic – doch der Geist ist noch lange nicht in der Flasche

 

 

Keine Zweifel für das Gericht: Karadzic wußte von den Massakern in Srebrenica

 

Seine Mine war versteinert, die Mundwinkel schmal nach unten gepresst als er das Urteil hörte. Fast schien es, als sei Radovan Karadzic für einen Sekundenbruchteil die Rolle des ruhmreichen Poeten, begnadeten Wunderheilers und genialen Polit-Jongleurs abhanden gekommen.

Vielleicht hatte er in seiner missionarischen Paranoia ja tatsächlich geglaubt, das landesweit immer noch gepflegte Mantra, man habe sich im Bosnienkrieg nur verteidigt und – falls serbische Verbrechen geschehen seien – habe er davon nichts gewußt, könne die Richter des Kriegs-Tribunals in Den Haag überzeugen. Doch die sahen es anders: 40 Jahre Gefängnis lautete das Urteil, das am Donnerstag nach 7-jähriger Prozessdauer gefällt wurde. Der ehemalige Kriegspräsident der bosnischen Serben, so die Begründung, sei nicht nur der Verbrechen gegen die Menschlichkeit und des Verstoßes gegen das Kriegsrecht überführt, sondern habe auch mit seinem Militärchef General Ratko Mladic bewußt die Vertreibung der Muslime aus der Enklave Srebrenica im Juli 1995  geplant und der Ermordung von bis zu 8000 muslimischen Männern zugestimmt bzw. diese wissend und stillschweigend inkauf genommen. Srebrenica war 1993 zur UN-Schutzzone erklärt worden. Nach dem Überfall der bosnisch-serbischen Armee flüchteten die dort stationierten holländischen Blauhelme und überließen damit muslimische Männer und Jungen der systematischen Ermordung durch serbische Soldaten, Sicherheitskräften und Freischärlern.

Dazu kommt die 1425 Tage dauernde Belagerung Sarajewos mit rund 10 000 Toten, als serbische Scharfschützen und Granaten die Stadt nahezu ausbluten ließen.

 

Mafiosi, Krimineller, Betrüger…

 

Doch wie konnte es passieren, daß ein bereits vor dem Krieg als Scharlatan bekannter Psychiater, ein krankhafter Spieler – der während des Kriegs im Spielkasino des Belgrader Hotels Jugoslavija oft Millionen Dollar in einer Nacht verzockte während der Sold seiner Soldaten nicht mal für eine Schachtel Zigaretten reichte, sein Volk wie Moses durch das Rote Meer führte? Es war wohl die verführerische Idee eines eigenen Staates, vielleicht sogar eines Großserbiens, die in weiten Teilen der Bevölkerung das kollektive Ziel über die Frage einer moralischen Reputation des Führers dominieren ließ.

 

Überleben konnte er nur durch Hilfe aus Belgrad

 

Unterstützt wurde Karadzic bei seinen nationalistischen Zielen nicht nur von den Serben Bosniens, die sich von einer muslimischen Mehrheit bedroht sahen. Ohne die Hilfe Serbiens und dessen 2006 in den Zellen des Haager Kriegstribunals verstorbenen ehemaligen Präsidenten Slobodan Milosevic wäre Karadzics Eroberungskrieg schnell gestoppt worden. Belgrad zahlte nicht nur den Sold der serbisch-bosnischen Offiziere im Nachbarland und rüstete deren Armee mit modernsten Waffen aus sondern leistete auch mit der eigenen Armee Hilfestellung, wenn den Brüdern Verluste auf dem Schlachtfeld drohten. Und es war Serbien, das auch nach dem Krieg und der Anklage gegen Karadzic vor dem Kriegstribunal in Den Haag dem Gesuchten Unterschlupf bot.

 

 

Die Pseudo-Jagd auf einen Kriegsverbrecher unter Staatsschutz

13 Jahre konnte der heute 70-jährige in Serbien untertauchen, obwohl ihn angeblich die internationale Gemeinschaft ebenso jagte wie der CIA und die serbischen Ermittler. Permanente Vorwürfe der damaligen Chefanklägerin des Tribunals, Carla del Ponte, Serbien wisse sehr wohl wo sich der Gesuchte verstecke, wurden mit Empörung aus Belgrad zurückgewiesen. Verhaftet wurde er erst am 27.7.2008 beim Versuch, aus seinem Versteck in Belgrad zu fliehen: als Wunderheiler mit langem Bart und zusammengebundenem Haarschopf, der jahrelang als „Dr.Dragan Dabic“ öffentlich aufgetreten war und Patienten vorzugsweise mit Pendeln und fernöstlichen Mythen behandelt hatte. Unerkannt trotz intensiver Suche? Aber nein. Während den damals ebenfalls flüchtigen serbischen General Ratko Mladic die serbische Armee vor seinen Häschern versteckte, war es bei Karadzic der Geheimdienst, der seinen Unterschlupf organisierte und ihn rechtzeitig vor Suchaktionen warnte. Erst ein Wechsel des Geheimdienstchefs hatte dem kuriosen Versteckspiel ein Ende bereitet.

 

Wird Karadzic als Held zurückkehren?

 

Doch ist mit dem jetzigen Urteil tatsächlich der Gerechtigkeit Genüge getan? Oder werden wir vielleicht in weniger als 10 Jahren zum Entsetzen der einstigen Opfer einen rüstigen Radovan Karadzic erleben, der wegen guter Führung, einer im Revisionsverfahren verminderten Strafe und der üblichen Reduzierung nach Absitzen von 2/3 der Gefängniszeit als Held in seine Heimat zurückkehrt? Erinnern wir uns nur an die beschämenden Bilder, als wegen Kriegsverbrechen verurteilte serbische Politiker und Generäle nach ihrer vorzeitigen Entlassung bei ihrer Rückkehr mit Jubel und Euphorie von der Bevölkerung empfangen wurden.

Karadzics beratende Anwälte, darunter der renommierte New Yorker Staranwalt Peter Robinson, wollen jedenfalls innerhalb von 30 Tagen Einspruch gegen das Urteil einlegen. Das Revisionsverfahren könne, so Robinson, bis zu 3 Jahre dauern. In dieser Zeit bleibt Karadzic weiter im Scheveninger Untersuchungsgefängnis mit weitreichenden Privilegien.

 

Im Westen Zufriedenheit, in der russischen Duma Empörung, in Serbien zurückhaltende Enttäuschung

 

Die internationale Reaktionen auf den Urteilsspruch reichen von Genugtuung im Westen bis zu empörten Tumulten in der russischen Duma nach Bekanntgabe des Urteils. Eine Solidarisierung, die wohl selbst der russischen Zeitung Komersant übertrieben schien. Ihr Kommentar: Die Russen müßten keine größeren Serben sein als die Serben selbst, man hätte in Rußland genug eigene Sorgen und brauche sich nicht noch die serbischen aufzuhalsen – zumal in Belgrad angesichts des erstrebten EU-Beitritts des Landes die Reaktionen weitgehend gemäßigt ausfielen.

In der Tat überwiegt in Belgrads Medien bisher zwar die bekannte Verschwörungstheorie, die dem Westen politische Motive bei der Verurteilung serbischer Angeklagter unterstellt und die Freisprüche des kroatischens Generals Ante Gotovina, des bosnischen Kriegskommandanten Naser Oric oder des Kosovo-Generals Ramush Haradinaj als beißende Ungerechtigkeit geiselt – doch geifernde Drohgebärden werden vorerst der Radikalen Partei und einigen wenigen Karadzic-Anhängern überlassen.

Immerhin, so der halbherzige Kommentar einiger Politiker, habe das Urteil gegen Karadzic die serbischen Bevölkerung von der Kollektivschuld befreit.

Premier Aleksandar Vucic besprach sich allerdings vor dem offiziellen statement seiner Regierung mit Patriarch Irinej und forderte diesen vermutlich zur diplomatischen Zurückhaltung auf. Große Teile der orthodoxen Kirche Serbiens zählten während des Kriegs zu den vehementesten Unterstützern von Radovan Karadzic. Wenige Wochen vor den anberaumten Parlamentswahlen in Serbien will Premier Vucic keine Unstimmigkeiten mit der Kirche riskieren, deren Meinung nach wie vor in der Bevölkerung großen Einfluß hat.

 

Es lebe die „Republik Srpska“

 

In der Republik Srpska in Bosnien war es ausgerechnet Karadzics Tochter Sonja, einst die rechte Hand ihre Vaters in dessen Kriegskabinett und mittlerweile Vizepremier(in) im Parlament der serbischen Entität, die dem Urteil des Tribunals Positives abgewinnen konnte. Schließlich sei die Republik Srpska definitiv nicht zum genoziden Staatsgebilde erklärt worden – ein weitreichender, politischer Erfolg. Denn nur mit dem Hinweis auf genozide Entstehung hätten Rechtsexperten eine Hintertür zur Auflösung dieses „serbischen Staats innerhalb des Staates Bosnien“ finden können. Zur Erinnerung sei angemerkt: Es war die internationale Gemeinschaft, die lange vor dem Friedensabkommen von Dayton, den bosnischen Serben trotz bekannter Kriegsverbrechen eine „Republik Srpska“ zugestand und somit ihre eigenen Drohungen, serbische Eroberungen nicht anzuerkennen, revidierte.

 

 

Kriegsverbrecher mit Heldenstatus

 

Ist das Urteil gegen Karadzic also wirklich eine Abschreckung an Diktatoren und Staatschefs, daß Verbrechen nicht ungesühnt bleiben? In Bosniens serbischer Entität spricht die Realität dagegen. Der Geist Karadzics erlebt hier nicht nur eine Renaissance, sein Widerstand gegen einen gemeinsamen und unitaren Staat Bosnien wird von der jetzigen Führung unter Milorad Dodik – einst erbitterter Gegner Karadzics – weitergeführt und von großen Teilen der serbischen Bevölkerung unterstützt. Straßen und Schulen schmücken sich stolz mit Karadzics Namen, Poster mit seinem Portrait hängen unbeanstandet in Amtsstuben und Restaurants, seine Kriegsverbrechen werden zwar öffentlich mit halbherziger Scham bereut – doch stets mit dem Hinweis, daß deren Zahl von der internationalen Gemeinschaft maßlos übertrieben sei (Karadzic sprach u.a. von ein paar Hundert Toten in Srebrenica) und alle 3 Kriegsparteien gleichermaßen Kriegsverbrechen verübt hätten.

Radovan Karadzic könnte sich deshalb schon bald in einer Rolle wiederfinden, die er sich erträumt hat: Als nationaler Held und Märtyrer , der sich für den gerechten Kampf seines Volkes als Kriegsverbrecher opferte …

 

 

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